Wie ein kleiner Maulwurf mir die Augen öffnete | Wann haben wir nur verlernt, den Moment zu leben?


Ich bin im Auto und fahre die Straße entlang, als ich vor mir plötzlich etwas Kleines über die Straße flitzen sehe. Ich bremse. Vorsichtig genug, um die Kinder nicht nach vorne schleudern zu lassen und stark genug, um das kleine Etwas nicht zu überfahren. Es ist ein kleiner Maulwurf! Freude steigt in mir auf, denn zuletzt habe ich einen Maulwurf gesehen, als ich noch ein Kind war. Doch im nächsten Moment macht sich ein anderes Gefühl breit. Irgendwas zwischen einer kleiner Panikattacke und einem Gefühl, dass mich zur Schnelligkeit drängt. 

Ich beobachte den Maulwurf, während ich mit der rechten Hand nach meinem Handy taste. Wo ist nur das blöde Ding? Ich möchte den Moment festhalten, schließlich sieht man nicht alle Tage einen Maulwurf. Ich realisiere jedoch schnell, dass ich zu lange brauchen werde, um mein Handy zu finden. Bis ich es in der Hand halten würde und die Kamera aktiviert hätte, wäre der Maulwurf weg. Auf und davon. Also sitze ich im Stillen da und schaue ihn mir genau an. Wie er kurz vor dem Auto halt macht und sich dann umdreht, um doch wieder zurück zu laufen. So klein, so blind und doch hat er alles unter Kontrolle. Und schwups, da verschwindet er auch schon im Gebüsch.
Ich bleibe noch einige Sekunden stehen und denke nach. Ein herannahendes Auto von hinten zwingt mich jedoch, meine Gedanken zu unterbrechen und weiter zu fahren. Ich lasse einige Stunden Zeit weilen, doch ich denke immer wieder über diesen Moment nach. 
Über diesen blöden Moment, in dem ich nach meinem Handy suchte. Denn er sagt so vieles aus. Nicht nur über mich, sondern über so viele von uns. 

Wir verlernen, den Moment zu leben 
Wir betrachten unsere Welt durch Handy-Displays oder Kameras. Wir wollen Momente einfangen und für immer konservieren, um ein Leben lang davon zehren zu können. Um diesen Moment ein Leben lang abrufen zu können. Oder um ihn zu teilen. Mit Freunden, mit uns nahestehenden Menschen oder mit Fremden. Wir fotografieren alles. Essen, Kinder, Landschaften, Tiere, Menschen. Alles. Nichts bleibt unfotografiert. Aber geht beim Betrachten durch die Linse nicht so vieles verloren? Das Leben selbst? Die Gefühle, all die Emotionen? Wenn ich so drüber nachdenke, zücke ich ziemlich oft das Handy, wenn mich etwas fesselt. 
Mal eben schnell ein Foto machen. Hm, der Winkel war blöd, ich versuche es mal so. Mist, jetzt ist das Licht nicht mehr so gut, ich warte mal einen Moment. Vielleicht kann ich an den Einstellungen ja was machen, damit alles besser zur Geltung kommt. Mist, Speicherplatz voll! 
Ich ärgere mich. So richtig. 
Und zack, da ist es passiert: ich habe mich selbst beraubt. Ich habe die Magie des Moments nicht auf mich wirken lassen, sondern sie unterbrochen, indem ich meinen Fokus nicht dem Geschehen widmete, sondern meinem Handy. Einem technischen Gegenstand, das so vollgemüllt ist mit Bildern und vermeintlich wichtigen Erinnerungen, dass es keine weiteren Fotos mehr machen kann. 

Wir sind so sehr verbissen darauf, erlebte Momente für andere so nahbar wie möglich festzuhalten, dass wir verlernt haben, den Moment ganz bewusst auf uns wirken zu lassen. Wir haben verlernt zu genießen. Verlernt einfach zu leben. Ohne Handy in der Hand. 
Und dann gaukeln wir anderen vor, wie schön dieses oder jenes war. Wie besonders dieser Moment war. Und oh ja, das mag es oft sicherlich auch gewesen sein, aber in 80 % der Fälle wäre das Erlebte ohne Handy, ohne Kamera sicherlich noch denkwürdiger gewesen. Ganz einfach aus dem Grund, weil man seine Aufmerksamkeit nicht teilen musste und sich gänzlich auf die Sache konzentrieren hätte können. 

Emotionen, Gedanken, die Schönheit im Detail - so vieles wird durch das Betrachten durch die Linse ausgebremst. Kann nicht voll entfaltet genossen werden, weil die Schönheit des Moments ein vermeintliches Festhalten bedingt. 

Aber Fehlanzeige. Mein Handy, mein Kopf, meine Entscheidung.
Mich hat ein kleiner Maulwurf wachgerüttelt, aber es hätten auch schon so viele andere Situationen sein können. Meine Lehren aus dieser Geschichte: ich möchte das Handy öfter liegen lassen. Situationen bewusst erleben, mir der Schönheit um mich herum bewusst sein und mich befreien von dem panischen Gefühl, mein Handy finden zu müssen, um ein Foto zu knipsen. 

xxx, B. 


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