Moritz' koreanischer Schulalltag | Von respektvollen Schülern und Lehrern, die es einfach haben



Wie ist der Schulalltag in Korea so? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede zu unserem Schulsystem gibt es? Und wie sieht Moritz Alltag als Praktikant aus? 
Endlich kommt mal wieder ein Beitrag meines Göttergattens- mit Humor und interessanten Einblicken in seinen koreanischen Schulalltag. 

Ich denke, ein paar von euch interessiert es vielleicht, wie das Leben an einer Schule in Korea so abläuft. 8500 km entfernt von Deutschland ist vieles anders und doch einiges gleich. Ich werde dafür zwei Perspektiven kurz zusammen beleuchten. Den Tagesablauf eines Lehrers/ Lehrerin und eines Schülers / einer Schülerin. Abschließend werde ich eine kurze Liste vorstellen mit Unterschieden zum deutschen Schulleben.
{Anmerkung von Bini: Moritz, das ist (m)ein Blog und keine wissenschaftliche Hausarbeit :D}

Vorab muss ich erst einmal erwähnen, dass sich alle meine Eindrücke und Erlebnisse lediglich auf eine einzige Schule in einem Land von 53 Mio. Einwohnern beziehen. Bei den meisten Infos frage ich nach, ob es in Korea generell so gemacht wird, aber selbstverständlich ist ein "Ja" nicht immer auch eine Garantie, dass es wirklich so ist. 

Achja: Bevor einige von euch jetzt wieder völlig ausrasten, erwähne ich in diesem Zusammenhang auch gleich, dass mich dieses "Schüler_Schülerin / Lehrer_Lehrerin" - Ding total nervt. Und ich mit dem Wort Schüler oder Lehrer (singular & plural) immer beide Geschlechter meine, ohne das weibliche Geschlecht diskriminieren zu wollen. 

Schulalltag 
7:30-40 Uhr: Anwesenheitspflicht im Lehrerzimmer,
ggf. kurze Besprechung im Fachrat, ob es besondere Ereignisse gegeben hat. 

7:40 Uhr: Anwesenheitspflicht der Schüler im Klassenzimmer. Start der Klassenlehrerstunde/Homeroom. 
Hier bespricht der Klassenlehrer relevante Themen, redet auf die Schüler motivierend ein und bespricht ggf. Klassenprobleme. 

8:00 Uhr: Beginn des regulären Unterrichts für Schüler und Lehrer. 



10. Klasse
Stundenplan:

8:00 Uhr: 1. Stunde

8:50 Uhr: Pause

9:00 Uhr: 2. Stunde

9:50 Uhr: Pause

10:00 Uhr: 3. Stunde

10:50 Uhr: Pause

11:00 Uhr: 4. Stunde

11:50 Uhr: Mittagspause

13:00 Uhr: 5. Stunde
11. Klasse

13:50 Uhr: Pause

14:00 Uhr: 6. Stunde

14:50 Uhr: Pause

15:00 Uhr: 7. Stunde

15:50 Uhr: Schulschluss Schüler

16:00 Uhr: Schulschluss Lehrer


Schulschluss bedeutet nicht immer das Ende des Schultags.
Lehrer klären eventuell noch offene Fragen ihrer Schüler.

16:00 Uhr: Eigenverantwortliches Lernen der Schüler 
in Studyrooms

18:00 Uhr: Abendbrot

Normale Tische
19:50 Uhr: Eigenverantwortliches Lernen / ggf. in sog. Hagwons (teure private Nachhilfeschulen)

22:00 Uhr: Schüler gehen nach Hause (Viele von ihnen um kurz noch etwas zu essen und dann weiterzulernen oder Hausaufgaben zu erledigen)

23:00 bis 02:00 Uhr: Lernen / Freizeit bis zum Schlafengehen
.
.
ca. 5:00 Uhr: Aufstehen und fertig machen, um zur Schule zu kommen.



"Anti-Müdigkeits"-Stehtische
Ja wer jetzt mitgerechnet hat, merkt, dass da nur 3-6 Stunden zwischen sind, um zu schlafen. Für deutsche Verhältnisse nicht gerade viel. Zumal die Mehrheit hier wohl durchschnittlich ungefähr 4 Stunden schläft. Die Müdigkeit macht sich zwischen den Schulstunden bemerkbar.  Daher ist es von Lehrern auch akzeptiert, wenn Schüler zwischen und teilweise sogar während der Stunden "dösen". 
Angepasst an diese Situation birgt jeder Klassenraum besondere Stehtische, für die Schüler, um gegen die Müdigkeit zu wirken. Im Stehen schläft es sich schließlich schwerer ein.



Für uns klingt das alles wahnsinnig und unvorstellbar. In Korea ist es Alltag. Und dennoch wirken Schüler während des Unterrichts gelassener, zufriedener und glücklicher und oft auch motivierter als viele Schüler in deutschen Schulen. Aber na klar, es gibt natürlich auch Ausnahmen, wie den einen Schüler, der einfach immer kein Bock hat und wenn er nicht pennt, auf Toilette gehen möchte. 

Alltag für koreanische Lehrer
Für Lehrer hingegen ist der Tag eigentlich recht angenehm.

So haben diese im Durchschnitt ca. 4,5 Stunden eigenen Unterricht, den Rest ihrer Arbeitszeit haben sie für das Vorbereiten von Schulstunden. Aber auch für sie gilt ein generelles Anwesenheitsgebot. von 7:40 Uhr bis 16:00 Uhr mindestens. Je nach Vertragslage der Lehrer müssen sie mal mehr und mal weniger präsent sein.
Curriculare Vorgaben sucht man in Korea scheinbar vergebens. Hier ist de Lehrkraft selbst verantwortlich, wieviel und was eine Klasse lernt, bzw. lernen soll. Hausaufgaben werden in der Regel nicht gegeben. Am Ende des Tages gibt der Lehrer den Input während der Unterrichtsstunde und die Schüler lernen ja eigenverantwortlich sowieso nach. Dies erleichtert den Unterricht im Vergleich zu Deutschland (aus Lehrerperspektive) natürlich ungemein.


Mein Alltag als Praktikant ist allgemein so wie der der Lehrer. Ich bin um 7:40 Uhr spätestens da und gehe um 16:00 Uhr. Dazwischen besuche ich verschiedene Fachunterrichte, helfe beim Deutschunterricht, halte Deutschunterricht und bereite Präsentationen und Arbeitsblätter für mich und andere vor. 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum deutschen Schulsystem
Abseits vom fleißigen Lehren und Lernen gibt es aber auch noch den ein oder anderen Unterschied zu unserem Schulleben. Zum Abschluss hier 6 Dinge die ein wenig anders sind als daheim:


1. Identifikation mit der Schule: 
Schüler identifizieren sich hier mehr mit der eigenen Schule. Ähnlich wie in den USA ist es den Schülern wichtig, welche Schule sie besuchen. Zwar hat dieses einerseits gesellschaftlich auch problematisch zu sehende Nachteile, andererseits fördert das Gemeinschaftsgefühl auch die Lernmotivation der Schüler, die es teilweise als Aufgabe sehen, ihre Schule vernünftig zu repräsentieren. Hier spielt auch Punkt 2 wahrscheinlich eine wichtige Rolle. 

2. Schuluniform:
Kaum ein Thema polarisiert in Deutschland so sehr an Schulen, wie die elendige Frage ob Schuluniform positiv oder negativ sei. Ohne mich bewusst für eine Seite entschieden zu müssen, möchte ich kurz die mir auffallenden Seiten erläutern. 
Auf der einen Seite steht die bereits genannte Identifikationsvariable mit der Schule selbst und dessen Förderung des Gemeinschaftsgefühls. Auch sorgt die Uniformierung der Schüler dafür, dass weniger über Kleidung diskutiert und gelästert bzw. ausgegrenzt wird. (Ausgrenzung findet dennoch statt, aber nicht durch Mode). 
Auf der anderen Seite natürlich scheint sie Individualismus und Kreativität zu unterdrücken und Gefolgschaft zu fördern. Diese spielt gerade in der Koreanischen Kultur noch immer eine wichtige Rolle (siehe Punkt 3). 
Koreanische Schüler gehen mit Individualismus dann so um: Sie nehmen besondere Accessoires (u.a. auch Brillen) oder Schuhe als Statements zu ihren Outfits. Die Schuluniform generell bietet hier im Übrigen relativ viel Freiraum der Variation. Hemd, Hose, Rock, kurze Hose, mehrere Pullover, College Jacke, T-Shirt. .. Es ist mir noch nicht ganz schlüssig welche Basics generell getragen werden müssen, aber kombiniert werden sie scheinbar immer anders und das geht hier irgendwie durch. Jede Schule scheint aber auch da andere Regeln zu haben, denn ich habe auch schon Schüler gesehen die mit weißen individuellen T-Shirts und schwarzen Anzughosen zur Schule gingen. 

3. Sicherheit
Während Klassenlehrerin Frau Wagdorf noch beschäftigt ist herauszufinden wer in ihrer Klasse, Hans-Gustav in der Pause den 10 € Schein aus dem Rucksack geklaut hat, stellt sich diese Frage in Korea nicht. Die oft als negativ ausgelegte (blinde) Gehorsamkeit und das damit verbundene Gemeinschaftsgefühl, auf das die koreanische Kultur sehr stolz sein kann, gipfelt in einer sehr sehr niedrigen Kriminalitätsrate. Ihr ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass hier alles so läuft. Fahrräder werden hier - wenn überhaupt - mit Schlössern abgeschlossen, die man durchbeißen könnte. Nachts ist es kein Problem sich durch dunkle Gassen zu bewegen- auch als Frau. Taschendiebstahl ist höchstens im Nachtleben feststellbar und asoziale Gewaltbereitschaft noch nicht einmal beobachtet. So ist auch das Schulleben. Diebstahl ist quasi nicht existent. Ich kann meine Wertsachen und mein Laptop mehrere Stunden auf einem öffentlich zugänglichen Tisch liegen lassen, während ich im Unterricht bin oder über das Schulgelände streife. Auch mein Basketball liegt hier noch am selben Platz, obwohl er Tage und Nächte lang zugänglich war für Jedermann. Herrlich! Gelegenheit macht hier keine Diebe. 

4. Schminken
Tag und Nacht, egal ob gechillt oder gelernt wird. Sport gemacht oder geschlafen wird. Es wird sich hier immer geschminkt. Zu jeder Tageszeit, zu jeden Zeitpunkt. Immer.
Der gesellschaftliche Druck scheint extrem stark auf den Schultern der weiblichen Bevölkerung zu lasten. Egal ob im Klassenraum oder im Lehrerzimmer, Handspiegel und Bürste sind immer mit von der Partie. 

5. In jedem Klassenraum hängt eine koreanische Flagge
Nationalstolz ist hier kein Gesprächsthema, aber man merkt schnell, ob man einem Koreaner mit Kritik auf die Füße tritt. Ich glaube Jan Böhmermann hat es mal so oder so ähnlich ausgedrückt: Als Deutscher wird man mit Scham, Reue und Selbstreflexion geboren. Unsere Vergangenheit ist kaum übertroffen in ihrer Abscheulichkeit und es ist wichtig, das von Kindesalter an zu lernen, um ein erneutes Eintreten präventiv zu verhindern. 
Klar ist es auch mal schön, dass zu einer WM / EM alle wieder Flaggen zeigen, aber man merkt die  sofort mit einhergehende unnötige Fan-Feindschaft zu anderen Ländern. Es wird noch lange dauern, bis Patriotismus in Deutschland en vogue wird. Und ich denke, dass das zur heutigen Zeit auch noch gut ist so. 
Man kann auch ohne Flagge zu zeigen und Lobeshymnen zu singen stolz auf sein Heimatland sein. Ok bevor ich mich noch weiter verrenne, spare ich mir und euch das an dieser Stelle jetzt mal. (Ich könnte darüber noch so viele Seiten füllen.)
Wegen der gesellschaftlichen Abstinenz eines deutschen Nationalstolzes, fällt es mir zumindest immer auf, wenn in anderen Ländern die Flaggen in öffentlichen Gebäuden stolz präsentiert werden.

6. Gehorsam / Respekt vor dem Alter
Anders als in Deutschland grüßt die Mehrheit der Schüler einen Lehrer beim Vorbeigehen mit einer tiefen Verbeugung. Selbst ich, als Ausländer und jung aussehender Lehrerpraktikant {Anmerkung von Bini: wer sagt denn, dass du jung aussiehst?!} werde hier zu 99% mit großem Respekt behandelt und begrüßt. Lediglich ein "High-Five" wurde mir in einer unangemessenem Situation entgegen geschleudert. Versteht mich nicht falsch. Ich glaub ich bin der letzte der so etwas schlimm findet oder erwartet, dass mich alle verehren oder auf Händen tragen. Aber es ist schön auch mal respektvoll behandelt zu werden und nicht mit "Alter, bist du hier Lehrer?" angeredet zu werden. Vielleicht auch, weil gerade ich auch am liebsten mit "Ey alter, man auf jeden!" antworten würde und es oft aus verschiedenen pädagogischen oder Anstands-Gründen nicht darf. 

Generell gilt noch: Wenn du mit einem Koreaner sprichst - egal ob Schüler oder Lehrer - kritisiere am besten nichts an Korea. Und ich akzeptiere das als Gast. 

Ärgerlich ist, dass mein Bachelor wohl scheinbar schon gereicht hätte, um als vollwertiger Lehrer zu arbeiten. Ich bin nun aber als unbezahlter Praktikant hier. Aber das soll mich nicht stören.
Ich bin unfassbar dankbar für diese Erfahrung und finde ohnehin fast alles toll und interessant - allein durch die Andersartigkeit. 

- Mo


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