Die zwei Seiten der Medaille | Von der Party-Studentin zur Studentenmama


Studieren mit Kind- für einige unvorstellbar, für andere ein ganz normaler Alltag. Ich weiß, dass viele meiner Leser ein großes Interesse an dieser Thematik haben. Aus diesem Grund möchte ich euch künftig gerne an den Geschichten anderer Studentenmamas (oder auch Papas) teilhaben lassen. 
Lisa macht den Anfang und berichtet von ihrer Kehrtwende einer Party-Studentin zur Studentenmama und mit welchen Herausforderungen sie dabei konfrontiert wurde. Lisa findet ihr übrigens auch bei Instagram und im eigenen Blog.


Erst einmal möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Lisa und „kennengelernt“ habe ich die Bini im Herbst/Winter 2014 via Instagram. Damals waren wir beide mit unserem ersten Kind schwanger – dieeine geplant, die andere mehr auf die Art „entweder es klappt oder eben nicht“. Mein Mann und ich waren uns immer einig, dass wir mal Kinder haben wollen. Nur über den genauen Zeitpunkt haben wir uns nie so richtig unterhalten.

Damals war ich an der Uni Paderborn gerade frisch ins zweite Semester gerutscht. Angefangen zu studieren (sprachliche Grundbildung, mathematische Grundbildung und Englisch auf Grundschul-
Lehramt) habe ich im Sommersemester 2014. Ein eher ungewöhnlicher Einstieg, wenn man bedenkt, dass die Empfehlung für einen Beginn dieses Studiengangs im Wintersemester liegt. Aber genauso
untypisch wie mein Studium begonnen hatte, sollte es auch weitergehen...

Das erste Semester lief noch ganz normal. Viele Partys, viele Kurse und Klausuren, Hausaufgaben und eine Gruppe Mädels, in der ich nach langer Zeit wieder eine beste Freundin gefunden hatte. Wir
waren SO viel unterwegs und ich fühlte mich so wohl, wie schon sehr lange nicht mehr.
Wochenenden in Köln, regelmäßiges Shopping in Dortmund, Spontanausflüge nach Holland ans Meer, die Idee zu Pfingsten einen Tagestrip nach Mallorca zu machen (was dann aufgrund der Preise doch nichts wurde – vielleicht besser so!) etc. . Rückblickend habe ich das Gefühl „meine“ Mädels damals häufiger gesehen zu haben als meinen Freund. Wir kannten uns noch nicht lange und trotzdem hatte ich das Gefühl sie schon ein Leben lang zu kennen. Kennt ihr das? Manchmal hat man einfach das Gefühl, dass es passt. So dachte ich zumindest...
Mit einem der Mädels hatte ich besonders viel zu tun. Diese beste Freundin wohnte zum Anfang ihres Studiums in einer Horror-WG. Ich riet ihr dringend, so schnell wie möglich dort auszuziehen.
Fuhr mit ihr zu Wohnungs-Besichtigungen, weil sie kein Auto hatte. Fuhr mit ihr zu Baumärkten, als es dann an die Renovierung ihrer eigenen Wohnung ging. Wir meldeten uns gemeinsam im Fitness- Studio an, kochten gemeinsam, verbachten gemütliche Nachmittage mit Tee und TV in ihrem Bett und erzählten uns von unseren Sorgen und Ängsten. Ich machte alles für sie, wie man es eben für beste Freundinnen macht. Und ich dachte, diese freundschaftlichen Gefühle beruhten auf Gegenseitigkeit.

Im Herbst 2014 wurde ich dann schwanger und ich kann mich an den Tag des Schwangerschaftstestes noch erinnern als sei es gestern gewesen. Ich war mit meiner besten Freundin und einem der anderen Mädels verabredet, um Hausaufgaben zu machen. Morgens hatte ich ein komisches Gefühl. Meine Periode hätte eigentlich schon vor vier Tagen einsetzen sollen, aber blieb aus, obwohl sie eigentlich immer auf den Tag genau kam. Ungefähr zwei Wochen vorher hatten mein Freund und ich nicht verhütet. OH!! Das geht doch nicht wirklich so schnell!!! Einen Schwangerschaftstest hatte ich bereits am ersten Tag besorgt, als meine Periode ausblieb und stand nun an diesem Morgen im Bad.
Na gut, Streifen treffen und drei Minuten warten, so schwer kann das ja nicht sein. 
Und tatsächlich!
Da stand es sogar gut leserlich, selbst für Manchmal-auf-dem-Schlauch-Steher wie mich zu
verstehen.
„SCHWANGER. 2-3 Wochen“ OH MEIN GOTT!! ICH BIN SCHWANGER!!!

Ich wusste gar nicht so richtig wohin, mit meinen Gefühlen. Und dann klingelte es an der Haustür.
Noch bevor die beiden in der Wohnung standen, hatte ich ihnen die freudige Botschaft verkündet – den Test wie eine Trophäe in den Händen. Und die erste Reaktion meiner „besten Freundin“ fiel nur wie folgt aus: „Und was ist jetzt mit deinem Studium?? Brichst du jetzt ab?! Also ich würde das ja nicht machen, bevor ich das Studium nicht abgeschlossen habe. Du kannst dem Kind doch gar nichts bieten!“ Kein „Ich freu mich so für euch!“, kein „Wie fühlst du dich?“. Lediglich die Frage nach meiner beruflichen Zukunft.
KARRIERE VOR KIND ?! DANKE AUCH!

Ich fühlte mich wie mit dem Vorschlaghammer bearbeitet. Meine BESTE Freundin freute sich nicht für mich, sondern überrollte mich mit einer Flut an Vorwürfen. Sagte, sie könne meine Entscheidung für ein Kind während des Studiums nicht nachvollziehen. Diese Lebensplanung sei nichts für sie. Sie würde sowieso alles anders machen. Wie könne man nur so handeln wie ich es gerade täte? Was soll man dazu sagen? Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass sei nur eine vorläufige Reaktion. Die Freude für mich, für uns, käme schon noch. Aber es wurde nicht besser. 
Stattdessen kamen mit voranschreitender Schwangerschaft immer mehr Vorwürfe. Ich sei nur noch schlecht gelaunt, würde nur noch meckern. Na klar, ich war müde und zwar DAUERHAFT, seitdem ich schwanger war.
Ausgelaugt und noch dazu war die Uni zu dem Zeitpunkt mega stressig und forderte viel Zeit und
Nerven. Ich war nicht mehr in der Stimmung auf Parties zu gehen, konnte es aber auch gar nicht.
Trank keinen Alkohol mehr. War gerne zu Hause, streichelte mein stetig wachsendes Bäuchlein und
freute mich auf das, was vor mir lag. Mein erstes Kind. Meine Familie.

Eines Tages, mitten in der Klausurenphase, bat mich meine beste Freundin um ein Gespräch. Sie und ein anderes Mädel saßen mir in der Uni auf dem Flur gegenüber und warfen mir wieder mal vor, ich hätte mich zum Negativen verändert. Sei super schlecht gelaunt und solle etwas an mir ändern. Auf meine Nachfrage, was sie denn genau an mir störe und was ich ändern könne, hatten sie keine genaue Antwort, sondern entgegneten mir nur „Deine ganze Art. Wenn wir morgens in die Uni kommen und dich sehen, ist der Tag eigentlich schon gelaufen, weil du ja eh nur schlecht drauf bist.“ Sie konnten mir weder genaue Situationen nennen, in der sie mein verhalten störte, noch konnten sie mir handfeste Verbesserungsvorschläge machen, wie ich mich verhalten könne, um diese Freundschaft angenehmer zu machen.

Ich wusste vorne und hinten nicht weiter, weil ich diese beiden Menschen nicht verlieren wollte. Ich hatte sie doch gerade erst gefunden. Unter Tränen fragte ich dann noch einmal, was ich tun könnte und da standen die beiden auf und sagten, sie hätten dafür in der Klausurenphase jetzt eigentlich gar keine Zeit und Lust sich auch noch um mich und mein Verhalten zu kümmern. Ließen mich zurück, weinend und völlig verwirrt und fertig, weil ich gar nicht genau wusste wo ihr Problem lag. Ich fühlte mich unter 20.000 Studenten plötzlich ganz allein. In diesem Moment hatte ich meine Freundinnen verloren. Das wusste ich. Nur weil ihnen meine Entscheidung für ein Kind im Studium nicht in den Kram passte. Weil ich nur noch eine Einschränkung für sie darstellte. Weil ich nicht mehr die Partymaus war, sondern eine angehende Mama, die ihnen nicht in ihre Pläne eines ausgefüllten Studentenlebens passte. Und passend dazu, bestand ich in diesem Semester nicht eine einzige Klausur, weil mich diese ganze Sache völlig aus der Bahn warf.

Zum Glück blieb in dieser Zeit ein einziges Mädel aus der Truppe vom Anfang an meiner Seite. Die liebe Anna. Sie passte nämlich eigentlich auch nicht so richtig zu diesen Mädels. Noch keine 20 Jahre alt, hatte sie nämlich bereits zu Anfang des Studiums den festen Plan, recht schnell schwanger zu werden und zu heiraten. Wir hätten wohl nicht so viel gemeinsam gehabt, wären wir nicht gleichzeitig schwanger gewesen. Aber diese Schwangerschaften waren genau das, was wir brauchten,
um zueinander zu finden. Sie ist die einzige dieser Mädels, zu der ich heute noch Kontakt habe. Die ich mit Stolz eine sehr enge Freundin nennen kann, weil sie da war als ich sie brauchte und es auch heute noch ist.

Dann wurde im August 2015 mein Sohn Joris geboren und ich musste meine Pläne, das Studium schnell hinter mich zu bringen, hintenanstellen. Nahm aufgrund der Notwendigkeit Bafög zu beziehen kein Urlaubssemester und studierte nach der Geburt normal weiter, jedoch mit reduzierter Stundenzahl. Auch heute studiere ich noch nicht wieder in Vollzeit, weil das mit meiner Rolle als Mama und den Betreuungszeiten meines Sohnes nicht vereinbar ist. Seither ist das Studium ein Auf
und Ab. Mal klappt es besser, mal schlechter – wie im letzten Semester. Das kann ich nämlich unter „Katastrophe“ einordnen, da wir uns den gesamten Winter über so arg mit Krankheiten herumschlagen mussten, dass ich am Ende nicht eine einzige Prüfung wahrnehmen konnte. Aber dennoch geht es weiter. Irgendwie klappt es immer, wenn auch ab und zu erst sehr spät. 

Den Anspruch an mich selbst, mich mit denen zu messen, die mit mir studieren habe ich längst aufgegeben. Ich studiere in dem Tempo, in dem es für mich und meine Familie richtig ist. Wie ich es
mit meinem Gewissen (und unserer Gesundheit) vereinbaren kann. Natürlich ist ein Studium mit Kind anstrengender. Natürlich lebe ich nicht das typische Studentenleben. Ich gehe am Wochenende nicht auf Parties, sondern zum Kinderturnen. Ich treffe mich in der Woche nicht zum Lernen, sondern zum Laternenbasteln im Kindergarten. Ich gehe mittags zwischen meinen Kursen nicht in die Mensa, sondern arbeiten. Für Klausuren lerne ich abends und auch Hausarbeiten entstehen meist in der Nacht. Spontane Ausflüge zum Shoppen in Dortmund gibt es nicht mehr. Dafür aber Besuche in Wuppertal, bei Anna und ihren zwei Kindern.

Ich bin heute zufriedener als je zuvor. Erfüllter als je zuvor, trotz mehr Stress und weniger Zeit für mich. Ich habe akzeptiert, dass ich nicht immer den Erwartungen anderer gerecht werden muss und auch gar nicht kann. Solange ich meinen eigenen Erwartungen gerecht werde, reicht das. Solange ich genug Zeit für mein Kind habe, reicht das. Ich werde wohl noch ein paar mehr Semester an der Uni bleiben, denn auch unser zweites Kind wird noch während meines Studiums geboren werden – im
Herbst dieses Jahres. Das ist mein Weg, der mich glücklicher macht, als ich es mir jemals hätte
wünschen können. 
Das war meine Geschichte.

Alles Liebe,
Lisa

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Latest Instagrams

Latest Instagrams

  • Bloglovin'
  • facebook
  • instagram
  • Youtube
Back to Top