Geburtsbericht Teil 2 | "Schatz, er sieht genauso aus, wie Pauline!" Von Tränen und dem größten Glück dieser Welt



Die Fortsetzung meines Geburtsberichtes. Teil 1 findet ihr HIER

[...] Die nächsten Minuten (ich hatte schon gar kein Zeitgefühl mehr), vergingen nicht. Der einzige Mensch, den ich mir herbei sehnte, war mein Mann. Mein Mann, der sich liebevoll um unsere Erstgeborene kümmerte, bis meine Mutter eintreffen würde. 


Ich fühlte mich so alleine, aber ich wusste, dass jetzt gerade keine andere Lösung möglich war. Die Schwester weigerte sich, auf sie aufzupassen. Das war auch ihr gutes Recht. 

Ich wollte von der Ärztin wissen, wie weit der Muttermund geöffnet ist. Wie die Hebamme zuvor, war auch sie nicht erfolgreich. 
"Ich weiß es nicht.. Das ist so komisch bei Ihnen." Aha. Komisch. Was meinen sie mit Komisch? 
"Wir müssen einen Kaiserschnitt machen. Das kann jetzt noch lange dauern und die alte Narbe kann reißen. Das ist gefährlich." 
"Gibt es denn gerade einen driftigen Grund für einen Kaiserschnitt?" Die Hebamme versuchte in ruhiger Stimme zu erklären, dass das eben gängig sei, bei einem vorangegangenen Kaiserschnitt. 
"Was ist mit dem Blut im Fruchtwasser?", fragte ich. 
"Das deutet auf einen Riss hin und ist gefährlich. Aber sie wollen ja keinen Kaiserschnitt." 
Dazu muss gesagt sein, dass sie recht ruhig geblieben ist in der Situation. Moment, ruhig trifft es nicht richtig. Sie war sehr gleichgültig. Und auch wenn Blut im Fruchtwasser war und ich die Schmerzen meines Lebens hatte, hatte ich nicht das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sei. Es fühlte sich alles richtig an. Abgesehen von diesem abnormalen Schmerz, der mir durch den gesamten Körper fuhr.
"WIE WEIT IST DER MUTTERMUND GEÖFFNET?", wollte ich wissen. 1 cm, 4, cm oder schon 9 cm? 
"Das wissen wir nicht. Können wir nicht sagen." 

Während ich da stand, wurde weiterhin ein Ultraschall gemacht und ein CTG geschrieben. Sie schätze das Kind auf 3.200 Gramm. Irgendwann sagte sie ziemlich nüchtern: 
"Wir finden keine Herztöne." 
"WIE KEINE HERZTÖNE?" 
"Ja, es kann sein, dass sie gerade verbluten. Narbe gerissen. Das ist nicht gut fürs Baby. DAS IST GEFÄHRLICH!"

Ich hatte eigentlich immer noch das Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Aber keine Herztöne machten mich nervös. Dennoch blieb die Ärztin sehr gleichgültig und ruhig. Ich meine.. muss man bei einem RICHTIGEN Notfall nicht einfach handeln, anstatt mich ununterbrochen zu fragen, wie wir nun weiter vorgehen? 

Irgendwann kam Moritz rein und streichelte mich am Kopf. Ich war hin und hergerissen. Ich wusste nicht, was richtig und was falsch war. Das Leben unseres Kindes wollte ich nicht für ein Erlebnis riskieren. Ich fragte ihn also, ohne dass er von alle dem mitbekommen hat: 
"Sollen wir einen Kaiserschnitt machen?"
"Schatz, du wolltest unbedingt eine natürliche Geburt. Ich will nicht, dass du morgen enttäuscht bist."
"Nein, wir machen einen Kaiserschnitt", murmle ich irgendwie vor mich vor mich hin, als mich kurz darauf eine heftige Wehe packte. 

Die Ärztin stachelte weiter. Diesmal mit noch mehr Druck als zuvor. 
"Ich muss jetzt wissen, ob wir den OP vorbereiten können.", sie hielt dabei das Telefon in der Hand und fuchtelte damit wild in der Luft. 

Ich gab nach. 
"Ja. Kaiserschnitt."
Zu groß war die Angst, dass es unserem Jungen nicht gut geht. Dass da wirklich keine Herztöne waren. Ich weinte. Ich knickte ein. Das Gefühl des Versagens machte sich breit. Und doch war ich froh, dass der Schmerz bald aufhörte. Zu mehr Gedanken war ich nicht in der Lage. 
Ich setzte eine Unterschrift und wurde im Bett liegend zum OP gebracht. Ich hatte nur schwarzes T-Shirt an, mit dem ich am Abend neben Moritz eingeschlafen war. Die Hebamme deckte mich zu, doch ich schlug ihr die Decke wieder um die Ohren.
"Damit sie keiner nackt sieht, wir müssen sie auf eine andere Station bringen."
"DAS IST MIR SCH*** EGAL, WER MICH SO SIEHT!", entgegne ich schmerzverzerrt.
Zwischen einer Wehe teile ich den Wunsch mit, dass Moritz mit in den OP soll.
"Wir müssen mal schauen. Vielleicht kriegen Sie auch eine Vollnarkose. Dann kann ihr Mann nicht mit rein."
"ICH WILL KEINE VOLLNARKOSE!", platzt es aus mir raus.
"Wir werden gleich sehen. Ich kann jetzt nichts sagen."

Im OP angekommen werden ich der Narkoseärztin übergeben. Und endlich, endlich war da jemand, wie ich ihn mir bei der Geburt vorgestellt habe. Fürsorglich, verständnisvoll und hilfsbereit.
Sie fragte uns, ob Moritz mit in den OP solle.
"Ja bitte!".
Es war kein Personal vor Ort, dass sich um Moritz kümmerte, also gab sie ihm ihre Schlüssel und erklärte ihm, wo er sich umziehen kann und was er zu tun hat.
Dann kümmerte sie sich wieder um mich. Während die Ärztin noch an mir zu Gange war und mich ständig aufforderte, etwas zu tun, streichelte die Narkoseärztin mir den Kopf und veratmete mit mir die Wehen. Redete mir gut zu. Sagte mir, dass wir das zusammen schaffen würden. Dass es bald soweit sei. Dass sie Moritz gleich holen würde. Ihre Stimme, ihre Worte. Sie waren so beruhigend. So wohltuend.
Die Ärztin forderte mich auf, mein Bein zu heben. Ich steckte in einer Wehe. Konnte und wollte nicht zuhören. Konnte und wollte nicht gehorchen. Zu sehr war ich mit meinem Körper und den Schmerzen beschäftigt. Sie wiederholte. Ich ignorierte sie weiterhin. Weil Ausnahmesituation. Geburt.
Die Wehe ließ nach und ich hörte, wie die Narkoseärztin ihr entgegnete:
"Jetzt ist aber mal gut! Siehst du nicht, dass sie gerade eine Wehe hat? Sie kann nicht so, wie du willst!" Diese Frau wurde mir immer sympathischer.
Dann legte sie mir die Spinalanästhesie.

Mir ging es schlagartig besser. Die Schmerzen hatten endlich ein Ende! Bevor Moritz kam, musste ich mich noch ein letztes Mal übergeben. Doch anders als beim ersten Kaiserschnitt blieb es bei dem einen Mal.
Moritz kam hinein und setzte sich zu mir. Ab jetzt versuchte ich alle negativen Gedanken beiseite zu schieben. Ihnen und dem Geschehenen keine Beachtung zu schenken.
Denn ich wollte mich auf das kleine Wunder aus meinem Bauch konzentrieren. Nur ihm galt nun meine Aufmerksamkeit.

Der letzte Kaiserschnitt war eine schmerzhafte Tortur für mich. Dieses Mal glücklicherweise nicht. Ich merkte zwar, dass an mir gearbeitet wurde. Dass es mechanisch wurde. Doch diesmal waren da keine Schmerzen. Ich konnte mich zurücklehnen und diese intensive Vorfreude auf meinen kleinen Sohn genießen. Und dann ging alles ganz schnell. Noch bevor jemand etwas sagen konnte, hörte ich ihn. Wie er kurz gurgelte und dann schrie. Laut und kräftig, aber bei weitem nicht so energisch, wie seine große Schwester damals. Mir schossen Tränen in die Augen. Welch Glück und welch Wunder es doch ist, sein eigenes Fleisch und Blut das erste Mal kennenzulernen.

Ehe ich ihn sah, konnte Moritz ihn schon sehen. Auf dem Arm der Hebamme.
"Schatz, er sieht genauso aus, wie Pauline!", rief Moritz glücklich.
Und dann wurde er mir gezeigt und tatsächlich. Er sah aus wie sie.
Er war perfekt. So perfekt! Aber vor allem war er gesund. So quicklebendig, stark und gesund!

[to be continued..]


   

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