Das Generationenmissverständnis | Damals und heute



Welche frisch gebackene Mutter kennt es nicht? Kaum ist das Baby da, stehen die Leute, die einem ungefragte Ratschläge geben wollen, quasi Schlange. Das Kind solle man nicht mit ins Bett nehmen, um es nicht zu verziehen, das Schreienlassen habe noch nie jemandem geschadet und wenn das Kind nicht schlafen will, dann füttere dem Kind doch einfach Pre-Nahrung zu. Diese Ratschläge kommen fast immer ungefragt, aber sie sind vor allem eines: ungewollt. Doch woran liegt es eigentlich, dass wir so "Beratungsresistent" sind?

Was haben sie mich damals gewurmt, diese ungefragten Ratschläge. Sicher, sie waren gut gemeint, aber mal im ernst: was denkt sich diese Person dabei? Ist sie nicht einfühlsam genug? War sie nicht mal genau an dem Punkt, an welchem ich jetzt bin und sollte sie deswegen nicht ganz genau wissen, dass man sensibel mit mir umgehen sollte? Dass man mir als frisch gebackene Mama Platz zum Lernen lassen sollte, anstatt mir den Raum mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen zu nehmen? 
Es hat mich damals ganz rasend gemacht. Ganz ehrlich, ich habe diese Menschen verurteilt und mich stundenlang aufgeregt. 

Ja, beim zweiten Kind habe ich mich nun nach 4 Monaten das erste Mal gefragt: Hey, wo sind die ungefragten und ungewollten Ratschläge, über die ich mich einst so geärgert habe? 
Bin ich einfach resistenter geworden und wehre diese Aussagen/Fragen/Ratschläge anderer Menschen ab, indem sie in das eine Ohr rein gehen und in dem anderen wieder austreten oder sind sie tatsächlich weniger geworden?

Ich habe versucht mich an die letzten Monate zu erinnern. Ganz penibel. Ein Paar Ratschläge gab es wohl, doch sie sind insgesamt tatsächlich weniger geworden. Ich bin in diesem Jahr zum zweiten Mal Mutter geworden. Das zweite Mal setzte ein erstes Mal voraus, was wiederum so viel bedeutet wie: die hat schon Erfahrungen gesammelt. Die weiß, wo der Hase im Pfeffer liegt.
Von meiner Oma kamen zum Beispiel einige Sprüche. Das typische eben: man solle die Kinder nicht mit ins Bett nehmen, weil blablabla. Oder als ich so alt wie Pauline war, konnte ich schon blablabla, was Pauline ja noch immer nicht könne. 
Habe ich mich aufgeregt? Nein. Ich habe es so hingenommen. Ich habe gelernt, dem Ganzen nicht mehr zu viel Bedeutung zuzusprechen. Ich habe zugehört, es mir jedoch nicht zu Herzen genommen. Denn ich weiß: wir beide, also meine Oma und ich, haben unsere Kinder in so unterschiedlichen Zeiten erzogen und groß gezogen.

Damals
Ältere Generationen, andere Gewohnheiten, andere Gegebenheiten. Wie sah der Alltag früher aus?
Ganz anders, als der heutige. Das Internet und die sozialen Netzwerke waren noch in weiter Ferne., die Globalisierung noch nicht so weit fortgeschritten und überhaupt war das Lebensgefühl ein ganz anderes. Wissen konnte man nicht einfach mir nichts, dir nichts googeln. Es gab einfach weniger Möglichkeiten, um an Wissen heranzukommen, sodass die Bedeutung anderer Mitmenschen, die uns in Sachen Erfahrung voraus sind, deutlich höher war, als sie es heute ist.
Während wir heute alle danach streben, schnell bei Mutti und Vati auszuziehen, die Welt zu entdecken und auf eigenen Beinen zu stehen, lebte man früher noch viel eher ganz gemütlich im Kreise seiner Familie. Nicht nur Mama und Papa kümmerten sich um den Sproß, auch Oma, Opa, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins wurden eingespannt. Da ist es selbstverständlich, dass nicht nur Mama und Papa erziehen, sondern eben alle, die beim Aufwachsen des Kindes behilflich sind. Da hat jeder eben seinen Senf dazugegeben. Davon mal ab: ältere Menschen oder Leute, deren Kinder eben keine kleinen Kinder mehr sind, wollen sich mitteilen, der Nostalgie wegen. Wer denkt nicht gerne an seine Kinder? Ich tue es jedenfalls sehr gern, da kann ich anderen doch nicht übel nehmen, dass sie sich durch mich, in die damalige Zeit zurückversetzt fühlen.

Ich glaube im übrigen, dass vor allem unsere Generation das "Auf eigenen Beinen stehen" sehr sehr ernst nimmt. Vielleicht auch manchmal ein wenig zu ernst, denn wenn ich mich recht entsinne, wollte ich für eine gewisse Zeit so eigenständig sein, dass ich mich schon fast zu weit von meinen Eltern entfernt habe. Der Leistungsgedanke und der Leistungsdruck war hoch. Sehr hoch. Man muss ja schließlich allen beweisen, dass man alles unter einen Hut bekommt und nichts auf der Strecke bleibt. Leider bleibt dabei manchmal genau das auf der Strecke, was uns doch eigentlich am wichtigsten ist.

Und auch das ist typisch für die heutige Zeit. Wir wollen in allem besser sein. Besser als die anderen. Und das wird uns von klein auf auch so eingetrichtert. Gute Noten und ein guter Schulabschluss, damit der Karriere nichts im Wege steht.

Heute
Da sind wir also. Angekommen in der heutigen Zeit. Unsere Generation hinterfragt viel fördert eigenständiges Denken. Unsere Kinder sollen nicht zu Ja-Sagern erzogen werden, sie sollen sich kritisch auseinander setzten können. Eigene Entscheidungen treffen.
Mit dem Internet und den sozialen Netzwerken genießen wir alle den Vorteil, Informationen leicht beschaffen zu können und Gleichgesinnte zu finden, die ähnlich bis gleiche Werte und Vorstellungen teilen, wie wir. Im Internet bekräftigen wir uns, dass wir alles richtig machen. Und wenn wir uns mal nicht sicher sind, ob wir noch auf dem rechten Wege sind, dann googelt man einfach nach dem Problem oder fragt die Internet-Gemeinschaft. Aber die eigenen Eltern, Großeltern oder gar die alte Dame aus der U-Bahn nach einem Rat fragen? Denkste.
Wie viele von uns gehen tatsächlich mal auf jemanden zu, auf die Eltern, Großeltern oder gar auf die Dame, die in der U-Bahn so nett mit uns geplaudert hat, und fragen: "Sag mal, weißt du...?" oder "Wie würdest du mit der Situation XYZ umgehen?". Das tun viele nicht mehr.
Wir sind zu stolz, uns dem Wissen anderer zu beugen. Zu erhaben, um die Ansicht anderer anzunehmen und zu akzeptieren. Und wir sind unfähig geworden, Verständnis für andere aufzubringen. Verständnis für andere Generationen beispielsweise. 

Versteht mich nicht falsch. Ich ergreife mit diesem Blogpost keine Partei. Nicht für die eine, noch für die andere Seite. Potentiell stehe ich ja ohnehin auf der Seite der 'Ich bin eine junge Mami, aber brauche deinen Rat nicht'. Doch ich wollte mir selbst einen Reim darauf machen, wieso dem ganzen so ist, wie es ist. Für alles muss es schließlich einen Grund geben, nicht wahr? 

Ich könnte jetzt total falsch liegen. Aber eben auch total richtig. Oder aber ich liege mit meinen Gedanken irgendwo zwischen 'was hast du für merkwürdige Vorstellungen' und 'sind gar nicht mal so schlecht, deine Gedankengänge!'. Ich weiß es nicht, aber was ich weiß, ist folgendes: 
ich möchte Lernen mehr Verständnis aufbringen zu können. Nicht immer sofort zu meckern. Mich nicht immer sofort aufzuregen, sondern erst einmal nachdenken, wieso es so ist, wie es ist. 
Und hier setzte ich nun einen Anfang und gehe mit gutem Beispiel für das Jahr 2018 voran. Mehr Verständnis. Auf allen Ebenen. 


Jede Generation wird ihre eigene Meinung haben. Jede Generation wird ein eigenes Verständnis davon haben, was gut und richtig ist. Jede Generation ist geprägt von anderen Faktoren, Umständen und Entwicklungen. Aber, und das zählt: jede Generation versucht ihr bestes zu geben.
Solange wir nicht penetrant "belehrt" werden, lasst uns doch vor allem eines haben: mehr Verständnis füreinander. Auch wenn wir mal wieder ungewollte Ratschläge bekommen. Oder gerade deswegen. 
Lasst uns das Generationenmissverständnis durch mehr Verständnis füreinander minimieren.

xxx, B. 

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