Ist es okay, wenn man von seinem Kind genervt ist?


Ich verbringe fast den ganzen Tag mit meiner Familie. Wir sind zwar nicht immer zu viert, aber eines der Kinder oder der Ehemann sind immer um mich herum. Wir genießen durch das Studium den Vorteil, dass wir viel Zeit als Familie haben. Das ist toll, ja wirklich. Zumindest fast immer. 

22.56 Uhr. Seit wenigen Minuten versuche ich einzuschlafen und kurz bevor ich mich ins Land der Träume verabschiede, ertönt das Baby Phone. Über die Kamera beobachte ich, wie PauPau sich aufsetzt und hysterisch nach mir ruft. "Maaaamaaaaaa". Ich drücke mein Gesicht ins Kissen und versuche all meine Geduld und Kraft zu sammeln, ehe ich aufstehe und mich zu ihr lege. Denn eigentlich bin ich selbst vollkommen erschöpft und möchte einfach nur schlafen. Es ist das gleiche Prozedere wie in jeder Nacht. Sie schreit, ich versuche sie, zu beruhigen, sie schreit weiter. Ich halte sie fest im Arm, umarme sie, um ihr Sicherheit zu signalisieren. Streichle ihr den Kopf, um Geborgenheit zu vermitteln. Rede beruhigend auf sie ein, damit sie weiß, dass ich da bin. Doch sie hört nicht auf. Sie schreit nach mir, obwohl ich doch schon längst bei ihr bin. Es bringt nichts. Ich nehme sie rüber in unser Bett, denn nur dort findet sie wieder zur Ruhe. Zumindest vorübergehend. 
Nach etwa zwei Stunden wiederholt sich das Szenario. Immer und immer wieder. Während Mika von 20 Uhr bis 8 Uhr morgens durchschläft und in der Zeit nur einmal ganz kurz gestillt werden möchte, ist es noch immer PauPau die uns nächtliche Probleme bereitet. Ihm gegenüber fühle ich mich furchtbar, denn seine Schwester zerrt so sehr an meiner Geduld, dass mir seine einmalige 5 minütige Stillphase in der Nacht eigentlich schon zu viel wird. Dann habe ich eigentlich keine Geduld für ihn, obwohl er doch die ganze Zeit so friedlich ist und schon so gut wie nichts fordert. 
In mir spüre ich, wie ich wütend werde. Wütend, weil PauPau das Kontingent an Geduld für 5 Kinder verbraucht und ich Mika nicht gerecht werden kann. Doch dann besinne ich mich wieder. Sage mir, dass sie keine böse Absicht hat. Dass sie mich nicht ärgern möchte. Nein, sie braucht mich. Und zack, da fühle ich mich furchtbar. Nicht weil ich ihr etwas getan habe, sondern alleine meiner Gedanken wegen. Ich schiebe die negativen Gedanken beiseite, gehe in mich und sammle sie wieder. Die Energie und Nerven, die ich für die Nacht brauche. 

Morgens wache ich auf, weil PauPau um 5 Uhr auf mir herumspringt. Morgens..eigentlich ist es doch noch mitten in der Nacht. Die Zeitumstellung ist mit Kindern wirklich 'ne ziemlich blöde und nervige Sache, denke ich mir. Meine Geduld schwindet. "Pauline, leg dich bitte wieder hin und schlaf weiter" sage ich mehr zu mir, als zu ihr, denn ich weiß, dass es keinen Sinn hat. Wenn sie wach ist, ist sie wach. Während sie also energiegeladen ist, bin ich ausgelaugt und das noch bevor der Tag überhaupt begonnen hat. Nein, ich schaffe es nicht, hochmotiviert aus dem Bett zu springen und mich auf den Tag zu freuen. Eigentlich bemitleide ich mich ein wenig selbst, weil ich mich so sehr nach einer Pause sehne. Nur für mich. Ohne Trubel, ohne Verpflichtungen. Ohne Kinder. 
Aber immerhin geht PauPau um 8 Uhr in den Kindergarten. Dann habe ich ein wenig Luft und Zeit, um durchzuschnaufen. Doch schon wieder schleicht sich das schlechte Gewissen ein. Weil ich mich darauf freue, dass mein Kind im Kindergarten ist. Weil ich mich auf ein paar Stunden ohne sie freue. Bin ich deswegen eine schlechte Mutter? Ich liebe mein Kind, mehr als alles andere, doch sie fordert mich so sehr. Sie war schon immer ein sehr mamabezogenes Kind, doch jetzt spitzt es sich weiter zu. Papa darf nichts mehr mit ihr oder für sie tun. Nur noch Mama. Das zerrt an den Nerven. Mal mehr, mal weniger, aber es ist ein dauerhaft anstrengender Zustand. Hinzu kommt die Uni, für die ich am Abend etwas machen möchte, aber durch Paulines Weinattacken komme ich leider nicht weit. Ich bin oft so gestresst, dass ich ein Ventil brauche, um Dampf abzulassen. Unfairerweise ist oft Moritz mein Ventil. Dann bekommt er schon mal eine pampige Antwort oder nur ein "mhhmm.." zu hören. Auf Dauer ist das keine Lösung, das ist mir bewusst. 

Eine Zeit lang lief es mit dem Schlafen bei PauPau ganz gut. Sogar richtig gut. In den drei Monaten vor Mikas Geburt hat sie super geschlafen. Dann kam ihr Bruder und alles änderte sich. Jeden Monat wurde es schlimmer. Ihm gegenüber ist sie glücklicherweise voller Liebe, doch Nachts verarbeitet sie, dass Mamas und Papas Aufmerksamkeit nun nicht mehr ungeteilt ihr gilt. So zumindest meine Vermutung. Auch tagsüber fordert sie mich immer mehr ein. Fordert mich auf, Mika abzulegen und mit ihr zu spielen. Sie will, dass ich sie auf den Arm nehme, wie ein Baby. Sie will einen Schnuller haben, obwohl sie nie den Schnuller genommen hat. Sie will all meine Aufmerksamkeit. Sie denkt sich aus, Schmerzen zu haben. "Maaamaaaa", "Mama, komm mal" und "Mama, komm mit" höre ich hier in Dauerschleife. Ich schenke ihr so viel Aufmerksamkeit wie ich kann, ja sogar mehr als ich kann. Und zeitgleich vernachlässige ich den armen Mika, der kaum was von seiner Mama hat, wenn die große Schwester dabei ist. 

Irgendwann kann ich aber nicht mehr vernünftig bleiben. Nicht mehr stark sein. Dann schicke ich sie weg und sage ihr, dass ich alleine sein will. Dass ich Zeit für mich brauche. Das Theater ist laut, doch meine Erschöpfung ebenfalls so groß. 5 Minuten ganz in Ruhe. Mehr will ich nicht. Doch die werden mir nicht gewehrt. Ich bin genervt. So genervt. 

Ich versuche mich, wirklich am Riemen zu reißen. Meine Kinder möchte ich nicht spüren lassen, dass ich genervt bin. Dass ich erschöpft bin. Ich möchte immer für sie da sein. 100 % geben. Doch das gelingt mir nicht immer. Auch ich bin nicht unfehlbar. Auch ich komme häufig an meine Grenzen und muss irgendwann einfach "Nein" sagen. 
Das schlechte Gewissen, aufgrund meines genervten Zustandes und der negativen Gedanken, plagt mich. Darf ich von meinem eigenen Kind genervt sein? Macht mich das zu einer schlechten Mutter? Aber auch Mütter dürfen doch mal die Nase voll haben und sagen "Jetzt reicht es, jetzt bin ich mal dran." oder etwa nicht? Ich fühle mich jedenfalls furchtbar. Furchtbar, weil ich genervt bin von meinem eigenen Kind. 
Die Lösung dafür? Den Alltag entschleunigen und mich in Geduld üben. Weiterhin für sie da sein und sie nicht von mir stoßen. Mir am Abend, wenn die Kinder beide schlafen, mehr Zeiten für mich gewähren. Aber das ist immer leichter gesagt, als getan. 

Der Zustand ist anstrengend. Sehr sogar. Doch wir werden natürlich weiterhin für sie da sein und hoffen, dass ganz bald Besserung einkehrt. 

xxx, B. 

Kommentare:

  1. Natuerlich ist es okay genervt zu sein.. oder mal zu schreien, das ist menschlich! Unser Sohn ist genauso alt wie Pauline und wacht nachts auch noch 1-3x auf. Zum Glück steht immer mein Mann auf und geht kurz zu ihm ins Zimmer, sodass ich mich nachts ausslieslich ums Baby kümmern kann, die wacht nämlich auch 2-3x auf zum stillen.
    Ich weiss es ist schwer aber es kommen auf wieder bessere Nächte (irgendwann hoffenltich haha)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Verena, danne für deine aufbauenden Worte. Es ist schon natürlich, dass man ald Mama auch mal keine Energie mehr hat oder schlecht gelaunt ist, aber das geht immer mit einem schlechten Gewissen einher. Durch diese Phasen müssen wohl fast alle Eltern & Kinder.

      Liebe Grüße in die Staaten,
      Bini ❤

      Löschen
    2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

      Löschen
  2. Natürlich darfst du das <3 ich hab dieses Gefühl manchmal auch und ich hab nur einen Wirbelwind zu Hause.
    Und ich glaube es ist auch richtig, es Pauline zu sagen, wenn du erschöpft bist. Lieber du sagst es ihr, dass du gerade erschöpft bist und bspw deinen Kaffee leer trinken möchtest, anstatt das du halbherzig bei ihr bist. Die kleinen spüren das und sind auch in dem Alter in der Lage einen kleinen Moment zu warten!
    Geh nicht zu hart mit dir ins Gericht, denn das du über all das nachdenkst zeigt schon, dass du eine gute Mutter bist <3 und vergiss vor lauter Bedürfnisse deiner kleinen nicht deine Bedürfnisse, denn auch die sind wichtig und können nicht immer hinten angestellt werden.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Kleine Auszeiten <3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für die lieben Worte! Du hast wirklich recht.. man muss auch an die eigenen Bedürfnisse denken, um viel positive Energie für die Kleinen aufzubringen! Sei ganz lieb gegrüßt! 😊

      Löschen
    2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

      Löschen
  3. Ich denke , es ist total normal das dein liebes Kind auch mal ihre Mama einfordert. Ich kann mir sehr gut vorstellen das du einfach auch mal Zeit für dich brauchst ❤ und ich bewundere dich. Sehr. Dafür das du alles wuppst Uni und 2 Kinder. Hut ab . Auch nur alleine eines der beiden Sachen kann mehr als nervenraubend sein. Jeder hat mal Sorgen , Zweifel oder den Wunsch für den Moment alles hinschmeißen zu wollen. Es kommen wieder bessere Zeiten , du stehst das durch ! Ich wünsche dir alles Liebe Deine Freya ❤

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Freya, danke für die lieben Worte! Ich höre dad zwar gerne, aber manchmal nervt es wirklich sehr mit Kind(ern) zu studieren. Man muss einfach akzeptieren, dass man nicht immer so kann, wie man will. In gewisser Weise ist man da fremdbestimmt. Aber dennoch bin ich mir der vielen Vorteile bewusst und dankbar dafür. Ganz liebe Grüße ❤

      Löschen
  4. Ich glaube jeder ist mal genervt vom eigenen Kind. Man ist ja auch mal genervt vom Partner, von den Eltern oder Freunden. Ich finde das nicht schlimm sondern menschlich. Hab kein schlechtes Gewissen und bleib vielleicht einfach mal länger auf dem Klo sitzen. �� Ich schick dir gute Vibes rüber!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das stimmt wohl..bei den Kindern schleicht sich nur leider echt schnell dieses schlechte Gewissen ein.. Und oh ja.. das sollte ich vielleicht mal tun :D

      Löschen

Latest Instagrams

Latest Instagrams

  • Bloglovin'
  • facebook
  • instagram
  • Youtube
Back to Top