Geburtsbericht Teil 1 | "Wir sind nicht hier, um zu diskutieren, sondern um ein Kind zu bekommen!"


Lange, sehr lange habe ich diesen Geburtsbericht nun vor mich hergeschoben. Doch es wird an der Zeit, zu verarbeiten, was passiert ist. 

Fast 4 Monate ist sie nun her. Die Geburt Mikas. Einer unserer glücklichsten Tage, der Tag an dem aus drei, vier wurden. Und doch ist da etwas, was mir schwer im Magen liegt. Der Umgang mit mir unter der Geburt.

Gewalt unter der Geburt 
Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, denn in nur zwei Stunden ist so vieles passiert. Gutes, wie auch schlechtes. Aber einmal von Beginn an.. 

Es ist der 31. Juli, als ich am Abend witzelte und zu Moritz sagte, dass Mika wohl kein Juli-Baby werden würde. Meine Freundin Janina war zuvor da und scherzte ebenfalls. Sobald sie weg sei, würde mir die Fruchtblase platzen. Tja, sie sollte recht behalten, denn nur 5 Stunden später, um 
23. 58 Uhr passierte genau das. Mir platze die Fruchtblase nach gerade einmal zwei kurzen Wehen. Da stand ich also in unserem Badezimmer und es plätscherte so vor sich hin. Ich wechselte aus dem müden Zustand sofort in einen euphorischen. Unser Baby ist ganz bald bei uns! Und dann überkam es mich plötzlich. Die Angst. Mir wurde schlagartig bewusst, dass es kein Zurück mehr gibt. Dass ich da nun durch muss, ob ich möchte oder nicht. Das Baby und die Natur nehmen keine Rücksicht darauf, dass ich eigentlich schlafen wollte. Oder auf meine Ängste. Nein, dass passiert genau JETZT. 

Ich rief Moritz. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Wie er da am Türrahmen stand und mich ansah. Seine Augen strahlten. Wisst ihr, nach so vielen Jahren mit dem Partner kann man seine Augen lesen. In diesem Moment haben sie einfach so viel Preis gegeben. Es war irgendwas zwischen "Echt jetzt, ich habe nicht mal geschlafen.", "Ich wusste schon bei deiner ersten Wehe, dass es losgeht", "Wir schaffen es" und Vorfreude. Er war ruhig, gefasst und erledigte alles, was erledigt werden musste. Pauline eine Jacke überziehen, meine Mutter anrufen und sie ins Krankenhaus ordern, damit sie Pauli abholt, die Kliniktasche schnappen und sich regelmäßig nach mir erkundigen. 

Derzeit stellte ich erschreckend fest, dass ich Blut im Fruchtwasser habe. Nicht gerade wenig und vor allem frisches Blut. Ich blieb ruhig und sagte Moritz, dass wir uns beeilen sollten. Und zack, da saßen wir schon im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus. Von der ersten Wehe, die anfangs alle 7 Minuten kamen, bis zum Sitzen im Auto vergingen gerade einmal 15 Minuten. Im Auto wurden die Abstände zwischen den Wehen kürzer. Alle zwei Minuten. Ich versuchte mich zusammenzureißen, schließlich war Pauline dabei. Total verschlafen und dennoch aufgeregt. "Mama Bebiii??" Ja mein Herz, Mama bekommt ein Baby. Deinen Bruder. Ich konnte die Wehen noch recht gut veratmen, den Schmerz noch gut wegstecken. 

Wir kamen am Krankenhaus an. Moritz ließ Pauline und mich am Eingang des Krankenhauses raus, um schnell zu parken und nachzukommen. Der letzte Moment mit meiner Tochter, in dem sie ein Einzelkind war. Sie war so zuckersüß. Voller Verständnis und voller Liebe. Wieder einer dieser Momente, die man als Mutter nie vergessen wird. 
Als Moritz mit dem Gepäck bei uns ankam, ging es zum Fahrstuhl und dann in den Kreißsaal. Wehen? Wir waren nun bei einer Minute Abstand. Holla die Waldfee, ging das schnell, dachte ich mir. Von sieben auf eine Minute in etwa 25 Minuten. 

Wir liefen den langen Flur der Klinik entlang. Das Gehen fiel mir schwer. Ein jeder hat mir angesehen: die bekommt jetzt ein Baby. Als wir bei der Hebamme und der Schwester ankamen, die uns zuvor den gesamten langen Flur entlang gehen sehen haben, kam nur ein ernüchterndes 
"Was können wir für sie tun?" 
Moritz und ich schauten uns kurz verwirrt an, weil wir eigentlich dachten, dass sie uns sagen würden, was zu tun sei. Er erwiderte: 
"Ein Kind bekommen?" 
Die Hebamme nahm uns mit. Sie war russischer Herkunft, was mich sofort gestört hatte.  Nicht, weil ich rassistisch bin oder nicht offen für andere Kulturen wäre, aber weil ich Erfahrungen mit der russischen Mentalität hatte. Weil ich mit der russischen Mentalität groß geworden bin. 
Ich sollte mich auf eine Liege legen, damit sie mich untersuchen konnte. Die Schmerzen fingen so langsam an, unerträglich zu werden. Ich krümmte mich vor Schmerzen und konnte auch meine Lautstärke nicht mehr kontrollieren. 
Ich schaute panisch auf die Uhr und fragte mich, wo meine Mutter bleibt. Diese blöde blöde Baustelle unterwegs. Sie musste einen Umweg fahren. Dementsprechend lang war ihr Anfahrtsweg. 

Die Hebamme versuchte zu ertasten, wie weit der Muttermund geöffnet war. Das ist ihr jedoch nicht gelungen. Diese Untersuchung war so Schmerzhaft, dass ich das auch das ganze Krankenhaus hören ließ. Pauline war verängstigt. Die Hebamme lächelte lieb und sagte mir, dass noch schlimmere Schmerzen auf mich zukommen würden. Tolle Aussichten. Aber ich wollte es schließlich so. 

Im Liegen war der Schmerz furchtbar. Ich sollte auf dem Rücken liegen, doch konnte einfach nicht. Während die Hebamme versuchte, ein CTG zu schreiben, sprang ich bei jeder Wehe aus dem Bett und drückte mit den Händen gegen irgendetwas. So war's erträglicher. Zumindest ein bisschen. Sobald die Wehe vorbei war, wurde ich immer und immer wieder aufgefordert, mich hinzulegen. Bei jeder Wehe hatte ich den fürchterlichen Drang, auf Toilette zu müssen. So richtig. Also ging ich ins Badezimmer. Alleine. Moritz konnte nicht bei mir sein, weil er sich um Pauli kümmern musste, bis meine Mutter eintreffen würde. Die Hebamme kam nicht mit. Vielleicht um mir ein bisschen Zeit alleine zu gewähren. Doch eigentlich war mir ganz und gar nicht danach. Ich wollte nicht alleine sein. Ich wollte jemanden bei mir haben, der mir versichert, dass der zerreißende Schmerz mich nicht umbringen würde. Da war ich also, auf der Toilette. Alleine. 
Ich erspare euch die Details. Es reicht, wenn ich sage: der Magen und der Darm haben sich entleert. 

Zurück im Zimmer ging es weiter. Ich solle liegen, doch ich konnte einfach nicht liegen. Die Hebamme gab auf und versuchte das CTG im Stehen anzubringen. Sie wurde nervös, doch ich habe ihr keine Beachtung geschenkt. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht konnte. Ich übergab mich, ich verlor Fruchtwasser, ich atmete wie wild. Ha, vorab habe ich mir wirklich Gedanken darüber gemacht, ob mir das alles unter der Geburt nicht unangenehm sein würde vor anderen Menschen. Von wegen. Mir war es in dem Moment einfach sch*** egal. Ganz ehrlich. Ich fühlte mich nie 'animalischer'.. klingt komisch, ich weiß. Aber ich weiß es einfach nicht anders, zu beschreiben. 

Die Hebamme rief die Ärztin, die dann das erste Mal auf uns getroffen ist. Sie begrüßte uns kurz und wieder verspürte ich Enttäuschung. Sah Moritz verzweifelt an. Telepatisch fragten wir uns, ob wir nicht doch lieber in die andere Klinik fahren sollten. Eine russische Ärztin. 
Das mag jetzt rüber kommen, als würde ich alle Russen ganz furchtbar finden. Das ist nicht der Fall, wirklich nicht. Doch was Empathie, Verständnis und Fürsorge angeht.. naja sagen wir's mal so: davon könnten einige mehr vertragen (ich hasse es, zu verallgemeinern. An dieser Stelle möchte ich auch niemanden angreifen, es geht nur um mein Empfinden in dieser Situation. Ich habe mich mit der russischen Art und Weise DIESER Ärztin nicht anfreunden können. Manchmal bin ich [leider] nicht ganz unvoreingenommen, aber ich gebe jedem die Chance, um mich vom Gegenteil zu überzeugen). 

Nachdem sie kurz 'Hallo' sagte, stellte sie mir die Frage, was mein Problem sei? Ich fühlte mich leicht angriffen und war sichtlich verwirrt. Wie, was soll mein Problem sein? Ich habe die Schmerzen meines Lebens, weil ich ein Kind bekomme. Sonst hatte ich kein Problem. Das sagte ich ihr auch. 
Sie erwiderte, mir: 
"Sie verstehen nicht, was ich meine.. was ist ihr Problem? Wieso sind sie hier?" 
"WEIL ICH WEHEN HABE!!!!" 
"Nein, warum waren sie zur Vorstellung zuerst in einer anderen Klinik. Und wieso machen sie jetzt keinen Kaiserschnitt?" 
"GUCK DOCH IN DIE AKTE! ICH WAR AUCH SCHON HIER, UM GENAU DAS ZU KLÄREN!" 
Sie überfliegt die Akte und sagt: 
"Aber wieso kein Kaiserschnitt? Kaiserschnitt ist schön." 
"WEIL ICH EINE SPONTANE GEBURT WILL."
"Das ist aber zu gefährlich mit der alten Narbe." 

Ich war rasend. 3 Wochen zuvor habe ich mir in DIESER Klinik genau deswegen einen zweiten Rat eingeholt. Habe mich eine Stunde lang untersuchen lassen. Nichts sprach dagegen. Nur die Ärztin und die Hebamme, die die Ärztin bekräftigte. Sie redeten auf uns ein. Ich nahm kaum noch etwas wahr. Ignorierte alle einfach und versuchte zu veratmen. Pauli begann zu weinen und Moritz war sichtlich böse geworden. Nachdem die Ärztin noch immer von einem Kaiserschnitt redete, hörte ich nur, wie Moritz sagte: 
"Wir sind nicht hier, um zu diskutieren, sondern um ein Kind zu bekommen!" Dann verließ er den Raum, weil es Pauli zu viel wurde. 
Nachdem Moritz draußen war, wandte die Ärztin sich an mich und fragte in einem ziemlich strengen Ton, warum mein Mann so frech mit ihr diskutieren würde. Sie sei schließlich Ärztin. Ich antwortete nicht. Weil ich nicht konnte. Doch sie fragte erneut und erwartete eine Antwort. 
"WEIL ICH IHM WICHTIG BIN.", konnte ich ihr nur entgegen bringen. Sie rümpfte die Nase und schallte mich. 

Die nächsten Minuten (ich hatte schon gar kein Zeitgefühl mehr), vergingen nicht. Der einzige Mensch, den ich mir herbei sehnte, war mein Mann. Mein Mann, der sich liebevoll um unsere Erstgeborene kümmerte, bis meine Mutter eintreffen würde. 

[to be continued..] 


Kommentare:

  1. Oh Bini,
    Das alles noch einmal zu lesen - in deinen emotionalen Worten - zerreißt mir erneut das Herz! :(
    Fühl dich ganz doll gedrückt!

    AntwortenLöschen
  2. Wahnsinn und ich habe gerade gar nicht die richtigen Worte. Erst vor ein paar Tagen habe ich einen Bericht über genau dieses Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ auf WDR5 gehört. Es ist unglaublich, dass immernoch SO mit Frauen umgegangen wird, die eigentlich das schönste Erlebnis ihres Lebens haben sollten. Und das in einem Land, das im europäischen Vergleich noch als Land gilt, das mit die besten Bedingungen für Geburten bietet.

    AntwortenLöschen
  3. Es ist wirklich Traurig sowas zu lesen! Ich hoffe du konntest alles gut verarbeiten! Meine Geburt lief zum Glück besser (trotz Kaiserschnitt) dafür ließ die Betreuung danach zu wünschen übrig denn die war absolut nicht da! Fühl dich gedrückt! LG

    AntwortenLöschen
  4. Ich musste mich letztens einer OP unterziehen und hatte da auch das Pech mit zwei russischen Schwestern, die absolut unsensibel,herablassend und grob waren. Ich dachte, das hätte mit der Überforderung wegen Personalmangel (usw.) zu tun, aber wenn ich das so lese, scheint es ja eher eine Frage der Mentalität zu sein. Ich mag nicht auf die Details eingehen, aber ich war nervlich am Ende nach deren "Behandlung". Ich kann es dir also (leider) nachfühlen. Tut mir unendlich leid, dass du das erfahren musstest.

    AntwortenLöschen
  5. oh liebe Bini, es tut immer wieder weh von den traumatischen Geburtserlebnissen zu hören, die werdende Mütter erfahren mussten.
    Ich bin Hebammenschülerin und muss selber häufig schlucken, wie ruppig manchmal meine zukünftigen Kolleginnen mit den Schwangeren, Gebärenden und hormonell-überkochenden Wöchnerinnen umgehen. Es ist so eine sensible Zeit und es wird schamlos Macht und Überlegenheit ausgenutzt, dass macht mich richtig wütend. Geburtshilfe ist gelegentlich etwas gewalttätig, da muss ein Kopf durch ein knöchernes -manchmal zu kleines - Becken und grade wenn die Gefahr droht, dass es Mutter und Kind bald nicht mehr gut gehen könnte, wird es hin und wieder "gewalttätig" um das Kind schnell holen zu können, auch Medikamente müssen manchmal schnell und ohne umschweifende Erklärung angehangen werden, ABER das entschuldig NIE NIE NIE NIE einen verachtenden, ruppigen, verständnislosen und unsensiblen Ton und schmerzende Worte von Hebammen und Ärzten.
    Es tut mir Leid, dass du so etwas erfahren musstest und es ist schön dich und deine Mäuse so glücklich zu sehen. <3
    Ich nehme mir deinen Post und all die anderen Berichte zu Herzen und werde alles dafür tun, dass NIEMALS eine Frau aus meinem Kreißsaal geht, die die Geburt ihres Kindes als traumatisierend empfindet.
    Fühl dich gedrückt und verstanden!
    Ganz liebe Grüße
    Hannah

    AntwortenLöschen

Latest Instagrams

Latest Instagrams

  • Bloglovin'
  • facebook
  • instagram
  • Youtube
Back to Top