♢♢ Schmerzhafte Emotionen unterdrücken ♦ Von schlechten Eigenschaften und Angewohnheiten, die uns unglücklich machen ♢♢


Es ist der 26. Mai 2017 als mein Bruder sagte, dass er mich begleiten würde. Er wirkt so gefestigt, so gefasst, während ich schon eine Weile ein emotionales Wrack bin und weine. Ich steige in sein Auto ein und fange noch einmal mehr an zu realisieren, was da gleich auf mich zukommt. Ich weine noch mehr. Nach wenigen Metern sehe ich rüber zu meinem Bruder und muss feststellen, dass auch er weint. Dass auch er den gleichen Schmerz verspürt wie ich. 

Wir haben nur einen kurzen Weg vor uns und dennoch merke ich, wie mein Bruder vom Gas geht. In jeder anderen Situation wäre ich wohl völlig entnervt gewesen, doch jetzt gerade war ich ihm so dankbar dafür. Dankbar für die Zeit, die er uns noch gibt. Ich sehe nach unten, auf meinen Schoß und sehe den müden Blick meines Hundes, der mich schon seit 15 Jahren begleitet. Ich drücke ihn an mich und möchte einfach nicht wahr haben, dass ich, nein dass wir uns nun verabschieden müssen. Ich weine noch mehr. Daniel fährt ganz langsam auf den Parkplatz der Tierarztpraxis. Ich sitze wie angewurzelt da, Tränen laufen über meine Wangen. Auch er braucht ein wenig Zeit, um sich zu sammeln. Schließlich sagt er: "Wollen wir?". In keinem anderen Moment war ich meinen Eltern dankbarer für meinen Bruder, als in diesem und es tat mir plötzlich schrecklich leid, dass ich ihm jahrelang vorgegaukelt habe, dass er adoptiert sei.  Ich nehme Charly in meine Arme und streichle ihm immer wieder über sein Fell. Daniel nimmt mich in den Arm und gibt mir die nötige Kraft, die ich brauche, um diesen schmerzhaften Schritt zu gehen. 
An diesem Tag habe ich viele Tränen vergossen, so viele wie noch nie. Bisher war mir der schmerzhafte Verlust einer geliebten Person oder eben eines so treuen Begleiters erspart geblieben- zum Glück. Ich habe so sehr geweint. So sehr. Es hat so sehr geschmerzt, meinen Charly gehen lassen zu müssen. Doch es tat gut, so unendlich gut, diesen letzten Schritt für Charly gemeinsam mit meinem Bruder zu gehen und nicht alleine. 

Noch heute schmerzt dieser Verlust, obwohl ich weiß, dass es das richtige für meinen Hund war. Doch nach dem eben beschriebenen Tag ließ ich keine Emotionen mehr zu. Ich redete mit niemandem über meinen Schmerz, darüber wie ich fühlte. Ich ließ keine Trauer zu und versuchte alle Erinnerungen zu unterdrücken. Ich versuchte dieses Ereignis aus meinem Kopf zu löschen. Moritz und meine Mutter suchten immer wieder das Gespräch zu mir. Sie wollten über das Geschehene, deren und meine Gefühle reden. Ich jedoch nicht. Ich war Mrs. Cool, die keinen Schmerz kennt. Ich war Bini, die alles gut wegstecken konnte. Bini, die Emotionslose. Meine Mutter begann über Charly zu reden und weinte und bevor auch nur irgendwelche Emotionen vor meiner Familie in mir hervorkommen konnten, flüchtete ich mich ins Badezimmer und weinte ganz bitterlich. Alleine. 

Letztendlich machte ich nicht nur ihnen etwas vor, sondern auch mir. Natürlich war für mich nicht alles so cool, wie ich vor meiner Familie zu behaupten vermochte. Natürlich hätte ich mich ihnen am liebsten geöffnet, doch ich konnte einfach nicht. 
Wieso ich euch diese Geschichte erzähle? Es geht dabei nicht primär, um den Verlust meines Hundes. Das schmerzt mich nach wie vor noch unglaublich, doch was ich eigentlich sagen möchte, ist, dass ich mich den Menschen, die ich am meisten liebe, dir mir am wichtigsten sind, nicht öffnen kann. Da ist diese Blockade, die es einfach nicht zulässt, egal wie gerne ich es auch will. Es geht einfach nicht und macht mich so oft einfach unglaublich traurig. In vielen Hinsichten bin ich emotional verkorkst. Ich versuche eine Fassade aufrecht zu erhalten, die fiktiv ist. Die es so gar nicht gibt. Ich versuche meiner Familie so oft ein falsches Abbild meiner selbst vorzugaukeln, damit ich mich nicht weiter mit meinen (schmerzhaften) Emotionen auseinandersetzten muss. 

Es gibt so einige Dinge, die mir auf der Seele liegen. Dinge und Geschehnisse über die ich mit keinem reden kann, mich nicht öffnen kann, obwohl ich es so sehr will. Doch da ist dieser Blockade. Immer und immer wieder. Und ich weiß sie einfach nicht zu überbrücken. 

Kürzlich war meine Mutter bei mir und ohne, dass wir beide es so recht wollten, sprachen wir plötzlich über Vergangenes. Über Geschehnisse, Gefühle, Schmerzen und Vergebung. Nachdem meine Mutter wieder weg war, war ich selbst ganz erstaunt, wieso ich mich plötzlich emotional öffnen konnte. Wo war die Blockade denn nur hin? Seitdem ist es mir jedoch nicht wieder gelungen, so offen über meine Gefühle zu reden. Selbst nicht mit Moritz, nachdem ich im Urlaub urplötzlich weinend neben ihm saß. Bis heute ist mir selber nicht so ganz klar, wieso dem ganzen so ist. Ob ich mich für meine Emotionen schäme? Habe ich Angst, verurteilt zu werden, weil ich auf genau diese Weise empfinde? Empfinde ich wohlmöglich falsch? Auch wenn ich die Antwort ganz nüchtern betrachtet natürlich weiß, so weiß ich sie subjektiv für mich nicht zu beantworten. 

Ich weiß nur, dass ich mich vor Konsequenzen fürchte. Dass ich in einigen Situationen Angst habe, mich rechtfertigen zu müssen, obwohl ich einfach so empfinde und so bin. Ich möchte mich oft nicht erklären müssen, wieso ich so handle und nicht anders. Wieso ich so reagiere und nicht anders. Wieso ich so bin und nicht anders. Wieso ich wohlmöglich überreagiere. 
Ich weiß die Lösung für das Problem: reden, sich öffnen. Meine Gefühle denen mitteilen, die für mich am meisten zählen. Doch ich weiß es einfach nicht umzusetzen. So oft saß ich gewissen Personen gegenüber und mein inneres Ich brüllte all die aufgestaute Wut, all den aufgestauten Schmerz und die vielen Emotionen in mich hinein. Nie konnte ich mich dazu überwinden, alles auszusprechen, was ich dachte, was ich empfand. Manchmal sind es banale Dinge, über die ich selbst den Kopf schüttle - wie zum Beispiel der Verlust meines Hundes. Doch oft sind es Dinge, die  mich sehr belasten und kommuniziert werden wollen. Ich weiß nur nicht wie. 

Emotionen nicht zuzulassen, sie regelrecht zu unterdrücken, ist eine meiner schlechtesten Angewohnheiten. Es sorgt so oft für Frust und Ärger zwischen mir und meinen Eltern, aber auch zwischen mir und Moritz. Weil sie alle mich oft nicht verstehen können und ich ihnen nicht die Möglichkeit gebe, dies ändern zu können. 
Ich muss ehrlich sein: ich habe zwar ein tolles Leben und bin super zufrieden darüber, wie alles gekommen ist, doch diese Eigenschaft der Unfähigkeit zu Reden macht mich ziemlich oft unglücklich. Ich lege mir selbst Steine in den Weg, die nicht da sein müssten. Ich mache es mir schwerer, als es sein müsste. Ich mache mich selbst unglücklich und nehme mir im Alltag so oft die Freude am Leben. Das schlimmste am Ganzen ist ja eigentlich nicht die Eigenschaft oder Angewohnheit an sich, sondern die Tatsache, dass ich nichts dagegen unternehme. Dass ich schweige, anstatt zu sprechen. Dass ich unterdrücke, anstatt zuzulassen. 

Doch ich arbeite jeden Tag daran, dies zu ändern. Ich arbeite jeden Tag daran, den inneren Schweinehund zu besiegen. Ob ich es schaffen werde? Ich weiß es nicht, doch ich hoffe es sehr. So sehr. 

xxx, B. 

An meinen Bruder: ich danke dir so sehr für diesen Tag. Dafür, dass du mir eine solch große Stütze warst und mich nicht alleine gelassen hast. Dafür, dass du mir gezeigt hast, dass es in Ordnung ist, Emotionen zuzulassen. Dafür, dass du an diesem Tag einfach für mich da warst. Auch wenn es ein wirklich furchtbarer Tag war, so bin ich dankbar dafür, dass ich nicht alleine geweint habe. Ich bin dankbar für dich. Danke Daniel ♡ 





Kommentare:

  1. Mein Beileid für Charly! Ich habe ihn noch in guter Erinnerung :) Meine Katze, die du sicherlich auch noch kennst, weil sie auch 15 Jahre bei uns war, mussten wir ebenfalls vor drei Wochen einschläfern lassen und was soll ich dir sagen: Mir ging es in der Situation und auch in vielen anderen genauso. Ich habe eine ähnliche Blockade und versuche Dinge mit mir auszumachen. Wenn Familie und Freunde meiner Ansicht nach zu nah an diese Blockade rankommen und ich das Gefühl habe, sie könnte brüchig werden, reagiere ich aggressiv und trotzig wie ein kleines Kind, was mir dann gleichsam auch total leid tut. Nur kann ich mich kaum dagegen wehren.
    Trotzdem denke ich, dass es ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, dass man sich überhaupt dieser schwierigen Angewohnheit bewusst ist und sie reflektieren kann. :)

    Marie

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  2. Hi Bini :)
    Puh... ganz schön schweres Thema und unheimlich wichtig!
    Unfassbar traurig mit eurem Charly �� Das tut mir sehr leid!
    Mit Gefühlen und Emotionen auf sich gestellt zu sein, kann so anstrengend und Energie raubend sein.. ich kann mir gut vorstellen, dass es dir damit nicht gut geht! Schön, dass du versuchst was daran zu ändern. Ich drücke dir fest die Daumen! Bestimmt wird das ein ziemlich steiniger und langer Weg, aber ich bin mir sicher, dass du ihn in deinem Tempo mit deinen Herzmenschen gehen wirst �� Aus eigener Erfahrung im Bezug auf Momente und Zustände, die einen große Überwindung kosten, kann ich dir sagen: Die Kraft auf zu bringen lohnt sich und es fühlt sich "danach" so unheimlich gut an! ��
    Ganz liebe Grüße
    Lara

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  3. Hallo,
    ich möchte dir als erstes mein Beileid aussprechen. Ein geliebtes Tier gehen zu lassen ist genauso schlimm wie einen Menschen zu verlieren, zumindest sehe ich das so.
    Ich habe Angst diesen Kommentar hier drunter zu setzen obwohl alles in mir sagt das es richtig ist. Ich bin 22 Jahre alt und habe am 28. April einen kleinen Sohn bekommen. Soweit erstmal nichts ungewöhnliches. Aber ich Kämpfe seit meinen 14 Lebensjahr gegen Postraumatische Belastungstörungen, Essstörungen, Depressionen und Borderline. Gefühle zu zeigen sich öffnen zu können ist für mich sehr schwer. Ich kann dich so gut verstehen. Manchmal gelingt es mir aber in vielen Momenten nicht.
    Weißt du, ich verfolge deine Seite schon so lange auch auf Instagram und man sieht wie ehrlich du zu deinem Followern bist. Du zeigst nicht nur die perfekte "Mama-Welt", sondern den ganz "normalen" Alltag. Das finde ich so schön.

    Was für mich sehr schlimm ist, ist für andere das einfachste der Welt. Wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs bin, werde ich schief angesehen..warum ? Weil mein ganzer Körper vernarbt ist. Ich habe mich selbst verletzt Ja, aber kann ich mein Kind nicht auch so lieben wie andere Mütter? Darf ich den nicht auch mit meinen Kind im Arm draußen sitzen ohne das andere sofort der Gedanke kommt, wie man ein Kind nur bei mir lassen könnte?
    Ich würde einfach gerne diese Gefühle zeigen können und reden können über alles was mich bedrückt oder mich glücklich macht. Aber ich kann es nicht.
    Obwohl es sich gut anfühlt wenn man über all das reden kann.
    Du bist eine große Inspiration für mich. Auch wenn ich echt große Angst habe das zu Posten. Irgendwas sagt mir das es gut ist. Ich wünsche dir alles gute für deine kleine Familie.

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