♢ Von Kliniken, Kaiserschnitten und großer Enttäuschung ♢♢ 35. Schwangerschaftswoche ♢


In dieser Woche bin ich aufgewühlt und verunsichert. Wieso dem so ist? Ich hatte in dieser Woche die Geburtsplanung in meiner vermeintlichen Wunschklinik. Alles, ja wirklich alles sprach für eine natürliche Geburt, bis die Ärztin sich mit einem Ultraschallbild und einem kurzen "Ich bin gleich wieder da" entschuldigte und uns warten ließ..

Mein Gefühl 
Bisher hatte ich in der Schwangerschaft ein gutes Gefühl, wenn ich an die Geburt dachte. Ich wurde und werde von einem super Frauenarzt betreut, der mir alle paar Wochen bestätigte, dass einer natürlichen Geburt nichts im Wege stehen würde. Also stellte ich mich gedanklich schonmal darauf ein, dass eben alles gut gehen würde. Dass ich möglicherweise bei diesem Mal die Erfahrung einer spontanen Geburt machen dürfe. Dass es dieses Mal ganz anders werden würde, als beim letzten Mal. Mein Bauchgefühl sagte mir: es wird alles gut. 

Die Geburtsplanung in meiner Wunschklinik
Bei 34+4 Schwangerschaftswochen war es dann soweit: ich fuhr in unsere Wunschklinik, um mich für die baldige Geburt vorzustellen. Dort angekommen fühlte ich mich auch direkt wohl. Die Räumlichkeiten waren mir Bekannt und auch die Gesichter der Hebammen und Ärzte waren mir nicht fremd. Eine Hebamme sprach mit uns vorab über meinen/unseren medizinischen Background und den vorangegangenen Kaiserschnitt. Sie notierte alles fein säuberlich und ich setzte brav meine Unterschriften. Dann ging es mit einer jungen Ärztin zum Ultraschall. Sie machte sich ein Bild vom Kleinen und sagte mir, dass er sich prächtig entwickelt hätte. Alles im grünen Bereich. Sie maß die für sie wichtigen Maße aus und ließ mich bei allem, was sie tat, wissen, dass alles in Ordnung sei. Doch dann nahm sie Maße, die ich nicht ganz zuordnen konnte. Sie druckte ein Bild aus und entschuldigte sich für einen Moment. Sie würde sofort wieder da sein. 
Wenige Minuten später kam sie mit einer ziemlich ernüchternden Aussage in den Raum: "Ihre Narbe an der Gebärmutter ist ziemlich dünn, nur etwa 1 mm. Die Chefärztin möchte sich das nochmal genauer anschauen." Bis dahin ließ ich diese Nachricht gar nicht an mich heran. Erstmal abwarten, dachte ich bei mir. Wir warteten kurz und wurden dann in einen Raum gebeten, der technisch besser ausgestattet war. Das Ultraschallgerät war wohl hochauflösender, moderner und präziser. Wie dem auch sei, machte sich auch die Chefärztin ein Bild über die Entwicklung und Lage des Kindes und bestätigte, dass alles in bester Ordnung sei. Nun ging es um die Narbe. Auch sie sagte mir, dass die Narbe der Gebärmutter nicht gut aussehen würde und sie mit einem Millimeter sehr sehr dünn sei. Sie wolle mich in zwei Wochen nochmal untersuchen, um dann gemeinsam mit uns zu entscheiden, wie es weitergehen würde. Ich wusste sofort, worauf sie hinaus wollte, denn das waren die gleichen Worte wie schon vor zwei Jahren bei der ersten Schwangerschaft. Wohlgemerkt: gleiches Klinikum, gleiche Chefärztin. Ich weiß, dass mir zu einem Kaiserschnitt geraten werden wird, deswegen sagte ich sofort: "Aber eine natürliche Geburt ist doch nach wie vor möglich, da das Risiko einer Ruptur sehr gering einzuschätzen ist." Die Ärztin sagte mir sehr kurz und direkt, dass letztendlich ich die Entscheidung zu treffen habe, der Kaiserschnitt jedoch die sicherere Option wäre. Ich solle erstmal abwarten. 

Zack, da war ich aus der Bahn geworfen. Ich weiß, was die Ärzte mir in zwei Wochen raten werden und ich weiß, was ich nicht will bzw. vermeiden wollte: einen Kaiserschnitt. Dicker wird die Narbe nicht, potentiell nur dünner. Obwohl ich weiß, dass die Chefärztin sehr kompetent und berufserfahren ist, fühlte ich mich überrumpelt und im Stich gelassen. Irgendwie wurde ich so schnell abgespeist und mit einer Information zurück gelassen, die mir den Boden unter den Füßen wegriss (mal wieder), dass von meinem guten Bauchgefühl nichts mehr da war. Boom, die Euphorie war von einen auf den nächsten Moment weg, mein Bauchgefühl nicht mehr existent und ich vollkommen verunsichert. Ich habe mich doch vorab informiert. Überall wurde das Risiko einer Ruptur mit weniger als 1% beziffert. Je nach Literatur schwankte es bis zu dem Wert von 4%, aber es war stets ein geringes Risiko. Hatte die Dicke der Gebärmutter also tatsächlich eine Aussagekraft? 

Die innere Zerrissenheit 
Schon vor zwei Jahren wurde mir der Boden unter den Füßen weg gerissen, als feststand, dass die Geburt ein Kaiserschnitt wird. Die Erfahrung war alles andere als schön und ich hatte lange an der Verarbeitung dieser Geburt zu knabbern. Nein, ich habe das Erlebnis noch immer nicht gänzlich verarbeitet, aber dazu später mehr. Irgendwann war ich einfach dankbar für ein gesundes und lebhaftes Kind, welches trotz des Kaiserschnitts keinerlei Anpassungsschwierigkeiten hatte. Meine erste Geburtserfahrung lehrte mich für die zweite nun bevorstehende Geburt, dass ich mich nicht auf ein Szenario einstellen solle. Viel mehr versuchte ich allem offen gegenüber zu stehen, sodass die Enttäuschung nicht so groß sein würde, wie beim letzten Mal, wenn es heißt: Kaiserschnitt. 
Also sagte ich mir stets: es sei mir egal, wie das zweite Kind zur Welt kommen würde, Hauptsache gesund. Doch dieser Moment, in dem wieder von einem KS die Rede war, der machte mir deutlich, dass es mir eben nicht so egal ist. Ganz und gar nicht. Er zeigte mir, dass ich mich gedanklich auf eine spontane Geburt, auf das natürliche Geburtserlebnis eingestellt hatte und mir diese Erfahrung so sehr wünschte. So sehr, dass ich nun nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist. 
Immer wieder ließt man von Kliniken, die ziemlich schnell einen Kaiserschnitt durchführen wollen, weil a) lukrativer und b) planbarer. Doch dem gegenüber stehen die Kaiserschnitte, die medizinisch notwendig sind. Notwendig, um das Leben von Kind und Mutter zu retten. 
In diesem Moment war für mich einfach nicht ersichtlich, ob die Ärztin in mir eine finanzielle Bereicherung für das Krankenhaus sieht oder ob sie medizinisch wirklich zu meinem Wohl handelte. Ich war, nein ich bin noch immer wütend, aufgewühlt und gekränkt. Mein Wunsch einer natürlichen Geburt wurde überhaupt nicht ernst genommen. 

Wir verließen das Krankenhaus und mir fehlten die Worte. Ja ich konnte nicht einmal mit Moritz über meine Gedanken und Gefühle reden, weil ich keine passenden Worte finden konnte. Das Gedankenchaos war einfach zu groß. Ich war mir sicher: eine zweite Meinung muss her. Ganz dringend und vor allem ganz schnell. 

Zweite Klinik, zweiter Chefarzt, zweite Meinung 
Das Thema beschäftigte mich so sehr und wollte mich einfach nicht loslassen. Ich schlief mit einem unguten Gefühl ein und wurde mit dem gleichen Gefühl wieder wach. Ich war sichtlich deprimiert, selbst Moritz wusste nicht mehr, wie er mit mir umgehen sollte. Er wusste/weiß nicht, welche Worte ich als angemessen und welche ich als verletzend empfinden würde. Er bewegte sich eben auf sehr dünnem Eis. Dieser Zustand war für mich nicht auszuhalten, also griff ich zum Telefon und rief umgehend in einer zweiten Klinik an. Alle Geburtsplanungs-Termine waren bis August vergeben. Na toll. Ich erklärte der Dame am Telefon mein Anliegen. Sie überlegte kurz und sagte: "Wissen sie was? Kommen sie sofort vorbei." Gesagt, getan. Ich machte mich sofort auf den Weg in die zweite Klinik, wo schon eine Hebamme auf mich wartete. 

"Sie sind Frau F.?" 
"Ja genau. Ich war gestern bereits bei eine anderen Klinik, um mich für die Geburt vorzustellen, aber.."
Sie unterbrach mich. "Ich weiß, ich weiß. Sie sind hier, weil sie nach einem Kaiserschnitt natürlich entbinden wollen. Dafür sind sie hier genau richtig!" 

Und zack: da war wieder ein Funken Hoffnung in mir da. Das waren die Worte, die ich mir erhofft hatte. Die Hebamme stellte uns viele Fragen und ging auch auf meine Wunschgeburt ein. Ohne das ich es beabsichtigte, ohne es überhaupt zu ahnen, fing ich an zu weinen und ließ all die aufgestauten und zuvor rational ignorierten Emotionen aufkommen, die mich in den letzten zwei Jahren begleitet haben. Ich weinte, redete mir den Frust von der Seele. Sie hörte mir zu und bekräftigte mich darin, für meinen Wunsch zu kämpfen. Ich war wieder guter Dinge und mir sicherer als je zuvor, dass ich keinen Kaiserschnitt möchte. Nein, ich möchte mich der Erfahrung einer natürlichen Geburt kein zweites Mal berauben lassen. 
Dann folgte das Gespräch mit dem Chefarzt. Dieser nahm sich unglaublich viel Zeit für mich, meine Sorgen und Fragen. Er erklärte mir alles bis ins kleinste Detail. Beantwortete all meine Fragen, ohne mir das Gefühl zu geben, schnell abgespeist zu werden. Ihm lag viel daran, mich und meine Sorgen ernst zu nehmen. Er schönte nichts auf, sondern sagte mir sehr rücksichtsvoll, wie er die Situation einschätzen würde. Er machte mir keine falschen Hoffnungen und sagte auch, dass er bei einer Auffälligkeit unter der Geburt nicht zögern würde. Aber dennoch gab er sie mir: Hoffnung. Hoffnung auf diese Erfahrung, die mir so sehr fehlt, obwohl ich ein Kind habe. 

Mein Wunsch 
Natürlich ist mein Wunsch, dass alles so verläuft, wie ich es mir vorstelle. Doch ich bin mir dessen bewusst, dass es eben bei einer Wunschvorstellung bleiben kann. Dass es nicht so kommen muss, wie ich es mir erhoffe. Wisst ihr, wenn es eine medizinische Notwendigkeit für den Kaiserschnitt geben wird, so werde ich dem Ganzen einwilligen. Dann werde ich nicht lange zögern, sondern handeln bzw. handeln lassen.
Doch ich wünsche mir so sehr, dass ich immerhin die Chance auf eine natürliche Geburt bekomme. Dass ich ernst genommen werde und nicht medizinisch-finanziell ausgebeutet werde oder einfach eine planbare Nummer bin. Ich möchte wissen, wie es ist, wenn die Wehen einsetzten. Ich möchte Moritz aufgeregtes Gesicht sehen, wenn ich ihm sage, dass es soweit ist. Ich möchte Hormonen ausgesetzt sein, die mir beim letzten Mal so sehr gefehlt haben. So sehr, dass ich im ersten Moment keine Gefühle empfinden konnte und mich deswegen furchtbar gefühlt habe. Ich möchte für diesen magischen Moment der ersten Begegnung arbeiten und am Ende mit einem gesunden Sohn belohnt werden. Ich möchte auf die vielen Wochen und Monate der Regeneration des KS verzichten, von den psychischen Wunden ganz abgesehen. Ich möchte sagen können, dass ich mein Kind geboren habe. Denn das kann ich bei Pauline bis heute nicht aussprechen. Ich möchte nicht nochmal sagen müssen: "Das Kind wurde geholt.".
Ich möchte eine Chance auf all das bekommen. Um diese Chance nicht zu verpassen, um mir mein Leben lang keine Vorwürfe machen zu müssen, habe ich mich gegen einen geplanten Kaiserschnitt entschieden. Nur wenn es wirklich notwendig sein sollte, möchte ich den Kaiserschnitt. Doch so lange kein konkreter Grund vorliegt, ja so lange werde ich für meinen Wunsch einer natürlichen Geburt kämpfen und mir diese Chance nicht entgehen lassen. Die Unsicherheit schwebt natürlich mit mir, doch der Wille ist stärker. Der Wille nach einer natürlichen Geburt.

Eure Nachrichten 
Als ich auf Instagram von meinem ersten Termin zur Geburtsvorstellung berichtete und welche Gefühle dies in mir auslöste, erhielt ich zahlreiche Nachrichten und Kommentare.
Für einige mag es vielleicht lächerlich sein, sich so intensiv mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, doch ich kann einfach nicht anders, weil es mich eben jeden Tag beschäftigt. Das nicht nur seit diesem Termin, nein. Diese Thematik liegt mir schon seit meiner ersten Geburt vor fast zwei Jahren auf dem Herzen und wurde bis heute nicht richtig verarbeitet. Sogsehen erhoffe ich mir vielleicht eine Linderung der Wunden des vorangegangenen Kaiserschnitts durch eine natürliche Geburt. Ich weiß nicht, was die nächsten Wochen bringen werden. Ich weiß nicht, wie mein Kind zur Welt kommen wird. Und natürlich steht die Gesundheit meines Sohnes an erster Stelle. Doch vielleicht gibt es da draußen ja jemanden, der meine Gefühle, meine Verletzlichkeit und meine Sorge verstehen kann. Es ist so schwierig all diese Gefühle in Worte zu fassen, darin bin ich nicht gut. Letztendlich kann ich nur hoffen, dass alles gut wird. Dass ich einen gesunden Sohn in den Armen halten werde und natürlich entbinden kann.

In diesem Sinne danke ich euch für die vielen lieben Nachrichten, die mich erreichten. Es waren unglaublich viele Nachrichten dabei, aus denen ich Kraft schöpfen konnte. Dafür bin ich mehr als dankbar! 

xxx, B.








Kommentare:

  1. Bini ❤
    Dein Post hat mich zu Tränen gerührt!Unglaublich bewegend.
    Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie sehr ich dir das alles wünsche und immer an dich denke.

    Fühl dich gedrückt,

    Janina xx

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  2. Liebe Bini. Auch wenn ich sicher nur im Ansatz Ermessen kann was alles in dir vor geht, man möchte dich am liebsten in den Arm nehmen! Ich wünsche dir von Herzen das es klappt mit der natürlichen Entbindung, das du einen Arzt/Ärztin an die Seite bekommst und eine Hebamme die es gemeinsam nicht nur probieren, sondern richtig dahinter stehen und ihr Bestes geben! Fühl dich ermutigt ❤️

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  3. Ich kann dich sooo gut verstehen! Ich werde in drei Tagen auch einen Kaiserschnitt aufgrund BEL machen müssen und ich fühle mich ebenfalls schon jetzt beraubt um die natürliche Geburtserfahrung. Klar, das wohl des Kindes ist mir wichtig - keine Frage! Dennoch fühle ich mich ebenfalls tatenlos. Man schneidet das Kind einfach so heraus und schwupps ist es da. Ich würde gerne dafür arbeiten und die Erfahrung der Geburt mitnehmen. Ich möchte fühlen, dass die Stunden in den Wehen und des Leidens mit dem Moment des ersten Schreis belohnt werden - einfach den Augenblick danach mit voller Erleichterung und Erscgöpfung genießen. Verdteht mich nicht falsch. Ich bin froh über die Möglichkeit, dass es den Kaiserschnitt gibt und man so in Risikosituationen eingreifen kann und Mutter und Kind retten kann. Dennoch fehlt ein entscheidender Moment im Leben zwischen Mutter und Kind: die natürliche Geburt ist mit ihren Emotionen und Erfahrungen einfach nicht zu ersetzen. So hoffe Ich, dass bei dir alles gut läuft und du deinen kleinen Spatz auf natürlichem Wege begrüßen kannst. Ich drücke dir die Daumen. �� Elodie

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