♢ Was das Elternsein mit uns macht ♢♢ Unser veränderter Medienkonsum♢


Dass das Elternsein große Veränderungen mit sich bringt, brauche ich hier sicher keinem zu erzählen. Und heute soll es mal nicht um Auswirkungen auf freie Zeit, Arbeit, Universitäre Verpflichtungen, Freunde oder ähnlichem gehen, "keine Sorge". 
Wir sind nun fast zwei Jahre Eltern unseres Tasmanischen Teufels und erleben jeden Tag neue Veränderungen. Eine jedoch beschäftigt uns seither besonders.

Während man als Kind anhaltend genervt davon war, wie oft man sich bei seinen Eltern melden musste - dass man heile ankam, wo man ist, wie lange man irgendwo ist und wann man wieder heimkommt - versteht man es inzwischen als Elternteil doch ganz gut, dass - auch wenn es nie eine ernsthafte Bedrohung gab - es notwendig war ein Zeichen zu geben, sodass die eigenen Eltern sich nicht zu Tode sorgten. 

Obwohl PauPau nun erst knapp zwei Jahre alt ist, und außerhalb der Krippe so gut wie nie von uns getrennt ist, wachsen die Sorgen um den eigenen Spross - Sorgen jeglicher Art. Unsere Wahrnehmung nähert sich der, die wir als Kinder bei unseren eigenen Eltern so verabscheut haben. Es ist nicht immer nur die direkte Sorge um das eigene Kind in expliziten Situationen die uns beschäftigt, sondern vielmehr eine allgemeine empathische Besorgnis, die bestimmt wie Geschichten und Ereignisse von uns inzwischen völlig anders wahrgenommen werden. Wie zum Beispiel folgende:

Die Geschichte beginnt so: Vater, Mutter und Kinder ziehen in ein neues Eigenheim. Alles scheint harmonisch und perfekt, bis plötzlich Mutter und Kinder ermordet werden und der Vater mit einem Kind zurückbleibt. Fortan muss er das Kind alleine großziehen. Stets in Sorge um sein Kind wird er zum übervorsichtigen Vater, der sein Kind durch Klammern von sich drängt, bis es schließlich, durch Leichtsinnigkeit verführt, weg läuft und es zur Entführung des Kindes kommt. Hier startet die eigentliche Geschichte - die Suche des Vaters nach seinem Kind.

Die meisten von euch werden es schon erkannt haben: Es ist die Geschichte von Marlin und seinem Sohn Nemo. Während es in diesem Animationsfilm von Pixar stets mit Witz vorangeht, ist die Thematik eigentlich eine schreckliche. Vor allem für Eltern ist der Gedanke an das ungewisse Wohlbehaltensein des eigenen Kindes eine Qual.
Eine Qual die man erst mit der eigenen Elternschaft unfreiwillig so richtig verstehen lernt.

Klar, in "Findet Nemo" dominiert ganz klar die Harmonie und der Spaß und das ernste Thema schwimmt nur als Basis mit, um eine humorreiche und abenteuerliche Handlung erzählen zu können. Kaum jemand verspürt wahrscheinlich ernsthaftes Unwohlsein beim Anschauen des Films, wenn sich Szenen ergeben wie zum Beispiel, dass kurz vor der 'Entführung' ein kleiner dicker Tintenfisch erschreckt und im bayerischem Dialekt sagt: "Oh, jetzt hab i mi voll'tintet."
Doch es gibt auch andere Beispiele. Filme und Serien, die es einem sehr schwer machen weiter zu schauen, allein aufgrund der Eltern-Kind-Konflikte (wobei diese nicht als zwingender Konflikt zwischen sondern vielmehr mit Beteiligung beider Parteien gesehen werden soll) oder aufgrund der generellen Dramaturgie.
Ein paar davon möchte ich euch hier kurz aufführen.

Bevor die Problematik jedoch gleich erklärt wird, bleibt zu erwähnen, dass wir Filme und Serien nicht nur oberflächlich unterhaltend schauen. Wir analysieren, diskutieren und fühlen mit den Charakteren. Ich denke wir haben eine sehr immersive Art des Schauens, um möglichst viel aus diesem Medium schöpfen zu können.

Bini und ich haben - bis vor kurzem - beispielsweise gerne "The Walking Dead" gesehen. Während manche diese Serie wegen der umherstreifenden Zombies mieden, hat es sich doch in Staffel eins schon schnell herauskristallisiert, dass es sich hier weniger um eine Serie im Horror-Genre handelt, als viel mehr um ein Drama. Man könnte sagen, es ist eine Art post-apokalyptisches GZSZ. Vielleicht auch eine moderne Version von Friedrich Schillers "Kabale und Liebe". Wer mit wem? oder gegen wen? Wann? Warum? Lügen, Intrigen, Träume und dessen Zerstörung und der Tod spielen eine übergeordnete Rolle. Die beharrlich imminente Gefahr der Zombies hilft zwar dabei den Plot weiter zu transportieren, hat aber eine eher inferiore Stellung im Rahmen der Dramaturgie. (Merkt man, dass ich gerade wegen Hausarbeiten viel wissenschafts-blablah lesen muss? :D haha)

Jeder der noch nicht: 
  • The Walking Dead - Season 7.1  
  • Game of Thrones - Season 1.9
  • Dexter - Season 8.12
gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte an dieser Stelle die folgenden (blauen) Absätze überspringen. 


Es ist bekannt, dass 'The Walking Dead' nicht mit expliziten Gewaltszenen und Splattereffekten spart, doch das alles ist nichts im Vergleich zum Psychoterror, der in der letzten Folge der sechsten Staffel auf die Überlebensgruppe ausgeübt wurde. Nach sechs Staffeln auf und ab steht die Gruppe kurz davor eine finale Siedlung zum Überleben aufbauen zu können. Nachdem man aus dem Nichts eine funktionierende Stadt aufgebaut hat, wird alle Hoffnung letzten Endes wieder im Keim erstickt. Als zusätzliche Belastung für den Zuschauer, wird Rick als Anführer der Gruppe, auch noch gezwungen sich zu entscheiden, seinem Sohn einen Arm abzuhacken oder stattdessen das Leben aller anderen Gruppenmitglieder zu opfern. 

An dieser Stelle hat Bini letztendlich einen Schlussstrich gezogen und die Serie abgebrochen. Ich glaube es ist nicht allgemein zu sagen, dass es eine unerträgliche Szene ist, doch nach nun mehr fast fünf Jahren und sechs Staffeln des Kennenlernens der Charaktere, dem auf und ab der Gefühle, der steigenden Hoffnung und Erstickung dieser, war es einfach zu viel - vor allem für Bini - zu sehen wie nach dem Tod geliebter Charaktere noch von einem Vater verlangt wird, sich zwischen seinem Sohn und anderen Menschen (Familie) zu entscheiden. 

Auch für mich ist dieser Konflikt nur sehr schwer zu verdauen gewesen und ich musste eine Pause einlegen. Nicht alle Serien und Probleme schlagen sich derartig auf unser Gemüt aus, doch war dies ein sehr einschlägiges Erlebnis, dass sich (zumindest für Bini) noch auf heute auswirkt. Es gibt zahlreiche andere Szenen in Filmen und Serien für die es jetzt leider jedoch viel mehr Zeit der Recherche bedürfe.  Zwei weitere, wenn auch nicht so detailliert geschilderte, Eltern-Kind-Konflikt Beispiele möchte ich euch dennoch geben: 

In "Game of Thrones" trauerten wir mit Sansa Stark als sie mit ansehen musste wie ihr Vater Eddard, (als bis zu dieser Episode geführter Hauptcharakter) hingerichtet wurde.

Und auch in Dexter beschäftigte uns das Serienfinale stark, als er nach seiner Charakterentwicklung hin zur Menschlichkeit, schließlich in einer sich selbst auferlegten Isolation lebt und seinen Sohn zurückließ, um ein neues Leben anzufangen und um neu gewonnene Gefühle zu unterdrücken. 

Zurück zum eigentlichen Problem.
Seitdem wir Eltern sind, hat sich unser Serienkonsum drastisch verändert. Nicht nur in der Häufigkeit, sondern auch in der Wahrnehmung. Szenen in denen Kinder im Konflikt mit ihren Eltern stehen, wirken sich besonders schwer aufs eigene Gemüt aus und sorgen für ein flaues Gefühl im Magen. Dabei ist es fast egal, ob es sich um physische oder psychische Gewalt handelt. Das eine wie das andere beschäftigt uns als Zuschauer mehr, als je zuvor und lässt uns eine Serie oder einen Film noch immersiver erleben. Für uns als 'Serienjunkies' ideal. 

Doch nicht nur Konflikte die Eltern, Kinder oder beide Parteien beinhalten, wirken sich gesteigert auf uns aus. Wir haben bemerkt, dass sich unsere Grundempathie weiterentwickelt hat und sich auf andere Bereiche auswirkt. Leider gibt es auch Schattenseiten. So lassen sich abseits von Fiktion so manche Schlagzeilen und Nachrichten über Kindesmisshandlung, Unglücke oder Kriegsverbrechen schlechter bewältigen, als je zuvor. Und wenn wir die Zeitung aufschlagen und lesen "Vater wirft aus Eifersucht sein 2 jähriges Kind aus dem dritten Stock", lesen wir den dazugehörigen Artikel in aller Regel nicht mehr. Zu schwer zu ertragen sind die Gedanken, die das Gelesene auf das eigene Kind projizieren.
Andererseits, werden fernab solcher Schreckensmeldungen alle möglichen Streitigkeiten, Probleme und Angelegenheiten - auch jenseits der Medien - von uns inzwischen völlig anders reflektiert. Auch wenn vieles zu höherer psychischer Belastung und zusätzlicher Beschwernis führt, sind wir sehr dankbar dafür, Dinge nun aus anderen Augen sehen zu können, wie es uns vorher gar nicht möglich war.

- Mo

1 Kommentar:

  1. Lieber Mo,
    Ich kann dir nur zustimmen. Tatsächlich hat mich dieses Thema bereits in der Schwangerschaft beschäftigt. Wir hatten gerade eine Serie begonnen wo es darum ging das Eltern ihre Tochter durch ein Gesltverbrechen verloren hatten. Nach 3 Folgen mussten wir die Serie abbrechen weil es mich einfach emotional zu sehr belastet hat. Ich kann also ganz genau nachempfinden, obwohl ich erst seit 2 Monaten Mutter bin. Um Filme und Serien mit toten, kranken oder verschwundenen Kindern werde ich ab sofort einen großen Bogen machen ;)

    Viele Grüße
    Anne

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