♢ Nanu, bist du auch schon da? ♢♢ Von Trotzphasen und mangelnder Geduld ♢


Früher war das Leben noch leicht. Da sah man Eltern mit schreienden Kindern im Supermarkt, in der U-Bahn oder sonst wo in der Öffentlichkeit und schüttelte den Kopf. Pah, das würde ich besser hinkriegen. Das kann doch nicht so schwer sein, ein Kleinkind zu besänftigen. Mal wieder hat mich meine Erfahrung als Mutter eines besseren belehrt. 

Hallo Trotzphase! 

Pauline hatte schon immer ihren eigenen Kopf. Während andere Eltern mir fröhlich erzählten, wie leicht alles mit ihren Kindern sei, war Pauline in ziemlich vielen Hinsichten spezieller und anspruchsvoller. Wir mussten erfinderisch werden, um es ihr recht zu machen. Sei es beim Spielen, beim Essen oder beim Schlafen. Anfangs war das eine ziemliche Herausforderung, doch mit der Zeit lernten wir damit umzugehen. Wir übten uns in Geduld. 
Doch nun stellt das Pauli-Kind unsere Geduld auf eine ganz neue Probe. Die Trotzphase hat uns heimgesucht und überkommt das Kind nun täglich und das gleich mehrmals. Manchmal so oft, dass ich am liebsten "Spiel-Stop" rufen würde. Nur spielen wir nicht Mutter, Vater, Kind, wir sind es auch. Also heißt es: Augen zu und durch! Nein, nein, keine Sorge! Das Sprichwort nehmen wir nicht wörtlich. Wir verschließen unsere Augen natürlich nicht vor dem, was unser Kind da gerade durchlebt. 

Aber was passiert da eigentlich? 
Gute Frage oder? Schließlich durchlebt ein jedes Kind diese Phase. Wollen die Kinder uns damit ärgern? Uns testen und damit schauen, wie weit sie bei uns gehen dürfen? 
Nein, dem ist keinesfalls so. Mit jeder Woche und jedem Monat, dass das Kind an Alter und Lebenserfahrung dazu gewinnt, gewinnt es auch neue kognitive Fähigkeiten. Irgendwann, meist um den zweiten Geburtstag herum, entwickeln Kinder ein Bewusstsein für das eigene Ich. Sie wissen mehr oder weniger, wer sie sind und was sie wollen. Das Problem besteht jedoch darin, dass ihre motorischen und sprachlichen Fähigkeiten unzureichend ausgebildet sind, um ihre Bedürfnisse und ihren Willen zu befriedigen. Kinder in diesem Alter entwickeln bereits eigene Pläne, doch scheitern letztendlich entweder an ihren motorischen und sprachlichen Fähigkeit oder an dem "Nein", das ihnen die Eltern erwidern. So betrachtet, ist es gar nicht mehr so unverständlich, dass die Kleinen uns ein Schreitheater der Extraklasse bieten oder? Immerhin ist das für sie höchst emotional, auf so vielen verschiedenen Ebenen.  Erst heute wollte Pauline ganz alleine über einen Balken auf dem Spielplatz krabbeln, der für sie leider viel zu dünn und viel zu hoch war. Einfach nicht Kleinkind tauglich. Wir wollten jedoch nicht nein sagen und ihr bei ihrem Vorhaben helfen. Sie hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, es ganz alleine machen, ganz alleine schaffen zu wollen. Da mussten wir eingreifen und mal wieder das blöde "Nein" auskramen. Das Ende der Geschichte: lautes Geschrei und Blicke anderer Eltern oder augenrollender Jugendlichen. 
(Klein-)Kinder müssen erst lernen, mit diesen neuen Emotionen umzugehen. Jeder Entwicklungsschritt und jede Entwicklungsphase hat ihren Sinn. Die so genannte Trotzphase lehrt sie, wie sie mit Gefühlen, Stress und und Frustration umzugehen haben. Es prägt sie für ihr Leben im Umgang mit anderen Menschen, im sozialen Miteinander. 

Wie gehen wir damit um?
Aus diesem Grund ist es mir, ist es uns so unheimlich wichtig, dass wir Pauline erst nehmen. Dass wir versuchen zu verstehen, was sie uns mitteilen möchte. Wir wollen versuchen nachzuvollziehen, was sie für einen Plan hat, um angemessen reagieren zu können. Ziemlich oft können wir ihr unter die Arme greifen und den drohenden Wutanfall so im Keim ersticken. Manchmal müssen wir ihre Pläne unterbinden und lautes Geschrei in Kauf nehmen. Dabei setzten wir uns immer auf ihre Augenhöhe hin und versuchen ihr ruhig zu erklären, dass sie sich bei ihrem Vorhaben sehr wehtun könnte. Wir versuchen ihr möglichst in einem ruhigen Ton zu begegnen und helfen ihr dabei, mit ihren Gefühlen fertig zu werden. Manchmal möchte sie weder Moritz noch mich in ihrer Nähe haben. Dies signalisiert sie uns, indem sie uns wegschubst, sich wegdreht und "Nein Mama" oder "Nein Papa" ruft. Auch das akzeptieren und vor allem respektieren wir. Wir geben ihr dann die Zeit, die sie braucht. Bei einem zweiten Anlaufversuch, mit ihr zu reden und sie zu trösten, fällt sie uns dann meistens in die Arme! 
Was sich bei uns bisher fast immer bewährt hat, sind keine strikten Neins, sondern Alternativen, die wir ihr anbieten. Wenn sie mal darauf behaart, etwas im TV schauen zu wollen, wir ihr das jedoch nicht erlauben, bieten wir ihr sofort eine Alternative an, nämlich Bücher. In der Regel läuft sie dann zu ihrem Bücherregal, schnappt sich mehrere Bücher und setzt sich schluchzend aufs Sofa, wo sie mich dann schon erwartet. Doch es gibt natürlich auch Situationen, in denen wir ihr keine Alternative bieten können. Situationen, in denen sie sich selbst in Gefahr bringen würde. Oder in denen sie im Supermarkt ziemlich viel zerstören würde. Ja, das sind die Situationen, in denen sie ein striktes Nein zu hören bekommt. 

Entschleunigen
Mal vergeht ein Tag und wir hatten kaum einen Trotzanfall, doch dann gibt es wieder Tage an denen kaum eine Stunde ohne solch einen Anfall vergeht. Ja das sind die Tage, an denen unsere Geduld wirklich auf die Probe gestellt wird. Von Anfall zu Anfall ist weniger Geduld und Verständnis übrig. Vor allem wenn im Hinterkopf noch die imaginäre To-Do-Liste nach mir ruft, stehe ich kurz vorm Durchdrehen. Warum musste es der blaue Becher sein, anstatt des Grünen? Ich habe doch nur einen Knopf gedrückt, was war daran nun so schlimm? Ich weiß die Antworten darauf natürlich, doch es fällt mir in einigen Momenten eben schwer, immer nur Verständnis aufzubringen. 
Mir ist es jedoch wichtig, dass ich mit Pauline gut und nach meinem Verständnis richtig umgehe. Diese Zeit ist zu wichtig, zu prägend für sie, als dass ich ihr pampig und verständnislos begenen sollte. Also versuche ich den Alltag zu entschleunigen. Ich versuche mir selbst den Druck zu nehmen, der auf mir lastet und mehr Zeit für Pauline einzuplanen. Anstatt kurz vor knapp aufzustehen, stelle ich unseren Wecker zeitig, sodass ich auf klein P. Rücksicht nehmen kann. Anstatt immer schnell machen zu wollen, nehme ich mir die Zeit, um sie erkunden zu lassen, was sie interessant findet. Im Alltag darf sie mir bei allem möglichen helfen: sie hilft mir, den Tisch zu decken, die Wäsche zu machen oder beim aufräumen. Sie liebt es beim Einkaufen Ware in den Einkaufswagen zu legen oder die Pfandflaschen in den Automaten zu stecken. 
Das Wichtigste ist tatsächlich, dass wir uns die Zeit für unsere Kinder nehmen und unseren Alltag nicht mit Pflichten füllen, die keinen Raum für Geduld und Verständnis lassen würden. 

Es ist wichtig, dass wir Eltern wissen, dass unsere Kinder uns mit diesen Trotz- und Wutanfällen nichts böses wollen. Sie wollen uns nicht austricksen oder testen, sie wollen viel mehr ihre Eigenständigkeit beweisen und ausprobieren. Scheitern sie daran, kommt es über sie, wie eine Naturgewalt. Es ist nichts, wofür sie sich bewusst und wissentlich entscheiden. Nein, nein. Unsere Kinder lernen mit Gefühlen umzugehen, Durchhaltevermögen beim Lernen zu entwickeln und sie lernen, wie man miteinander umgeht. Es liegt in unserer Hand, den Grundstein für ein verständnisvolles, lernbewusstes Kind zu legen. Es mag sehr anstrengend sein, doch die Zeit und die Mühe werden sich lohnen. Eines Tages werden wir sehen, dass gewachsen ist, was wir gesät haben. 
In diesem Sinne: nehmt sie euch, die Zeit für eure Kinder. Sie werden es euch eines Tages danken. 

xxx, B. 







Kommentare:

  1. Liebe Bini,
    sehr interessant und schön geschriebener Post.
    Respekt, dass du trotz Uni, Kind und Schwangerschaft so regelmäßig bloggst.
    Viele Grüße,
    Laura von http://consultlaura.blogspot.de

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    Antworten
    1. Vielen Dank, liebe Laura!
      Das Bloggen ist zu einem Hobby geworden, sodass ich mir dafür gerne die Zeit nehme!

      Ganz liebe Grüße,
      Bini

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