♢ Das ist ja gar nicht mal so einfach ♢♢ Die Sache mit dem Loslassen ♢


Als ich ein Teenager war, hat meine eigene Mutter mir immer wieder gesagt, wie schwer es ihr fallen würde, loszulassen. Mich ziehen zu lassen und zu sehen, dass ich mein eigenes Leben lebe, meinen eigenen Weg gehe. Ach, was habe ich früher mit den Augen gerollt, wenn sie so etwas gesagt hat. Da erwiderte ich mit leicht genervtem Ton Sätze wie: „Oah Mama.. Ist doch nichts ’bei, wenn ich ein Jahr nach Amerika gehe.“ Oder „Warum bist du denn schon wieder so emotional, nur weil ich mit meinem Freund zusammenziehe?!“ Ein paar Jahre und ein Kind später kann ich meine Mutter verstehen. Ziemlich gut sogar.

Montag, der 10. April
Morgen soll die Uni also wieder losgehen. Der Plan für das Semester steht nicht erst seit heute. Darum habe ich mich natürlich in weiser Voraussicht zeitig gekümmert. Immerhin möchte ich ja auch wissen, was mein Kind macht, während ich in der Universität bin. An 4 von 5 Tagen können Moritz und ich uns mit ihr abwechseln. Doch da ist ein Tag, an dem wir beide parallel eine Veranstaltung haben. Ein Tag an dem keiner von uns sie aus der Krippe abholen kann. Wer dann einspringt? Glücklicherweise unsere Familie. Eine der Omis holt sie ab, worüber wir natürlich unendlich dankbar sind. Pauline liebt ihre Omi und auch ich kann ihr blind vertrauen. Ich weiß, dass mein Kind bei ihr in guten Händen ist. Dass es ihr gut gehen wird.
Doch trotz dieser Gewissheit, dass sie bei Omi bestens aufgehoben ist, macht sich da ein Gefühl in mir breit, dass mir nicht geheuer ist. Ein Gefühl,  dass Unwohlsein hervorruft.
Ich muss ein bisschen darüber nachdenken, bis mir bewusst wird: Loslassen ist nicht einfach. Die Verantwortung für mein Kind einer anderen Person zu übergeben, sei es auch für eine sehr kurze Zeit, ist überhaupt nicht so leicht, wie manch einer glauben mag. Tausende Gedanken schießen mir durch den Kopf. Was ist, wenn sie sich verletzt und frühzeitig abgeholt werden muss? Dann brauche ich zwei Stunden, bis ich bei ihr bin. Was ist, wenn sie mich zu sehr vermisst (wir sind schließlich noch in der Eingewöhnung)? Dann ist die Oma natürlich da, aber eben nicht ich. So viele „Was ist, wenn“- Fragen quälen mich den ganzen Tag. Moritz ist da lockerer und zuversichtlicher: das wird schon gut gehen, mach dir keinen Kopp!
Na gut, wenn er das sagt...

Dienstag, der 11. April
7 Uhr und der Wecker klingelt. Pauline wird wach und grinst mich wie jeden Morgen an und kuschelt sich zu mir. Nachdem sie genug Mama-Kuschel-Zeit hatte, hüpft sie den Papa sehr unsanft, aber auf ihre Art und Weise liebevoll, wach. Eigentlich ist alles wie jeden Morgen, aber ich schnappe sie mir nochmal und drücke sie fest an mich. Wehmut macht sich breit. War sie nicht letztens erst mein kleines Baby, das komplett auf mich angewiesen war? Und nun verbringt sie den Tag in der Krippe und im Anschluss ist sie bei der Oma. Für mich ist sie doch immer noch mein kleines Baby, obwohl sie schon so viel kann und ein wachechtes Kleinkind ist.
Wir stehen auf, wechseln ihr die Windeln, ziehen sie an und setzten uns an den Frühstückstisch. Pauli frühstückt zwar in der Krippe, doch nach dem Wachwerden hat sie schon einen solch großen Hunger, dass es eine Kleinigkeit für sie gibt. Ihre Leibspeise: Erdbeeren. Ich bereite ihr Frühstück für die Krippe vor, mache mich selbst startklar für den Tag und ziehe sie dann an. Wir wollen gerade aufbrechen, als sie ganz hektisch schreit „Emo, Emo, Emo!“ Upps, da habe ich doch glatt ihren Elmo vergessen! Wie gut, dass du schon so groß bist und du mich daran erinnerst. Also schnappt Pauline sich ihren geliebten Elmo und ihre Tasche und wir gehen los. Sie scheint voller Vorfreude zu sein und spricht schon von ihrer Freundin, die sie gleich sehen wird. Wieder denke ich mir: verdammt, bist du groß geworden, kleiner Schatz!
In der Krippe angekommen weiß sie natürlich, wie der Hase läuft. Sie lässt sich ausziehen, bringt alles zu ihrem Fach und schließlich ihre Trinkflasche in die Gruppe. Nun heißt es Tschüss sagen. Wem es wohl schwerer Fallen wird, dies zu tun? Heute definitiv mir. Sie weint nicht einmal, als ich mich verabschiede. Als ich mich erneut umdrehte, um nach ihr zu sehen, beachtete sie mich nicht mehr. Sie spielte einfach. Mich macht es natürlich unglaublich glücklich, wenn ich weiß, dass sie Spaß hat und es ihr gut geht. Doch da ist wieder dieses Gefühl. Kaum zu beschreiben, aber so präsent und einnehmend. Am liebsten würde ich immer in ihrer Nähe sein, um das Schlimmste zu verhindern. Um für sie da zu sein. Um Gewissheit zu haben, dass es ihr gut geht. Doch jeder Elternteil muss früher oder später lernen, loszulassen. Schritt für schritt werden unsere Kinder größer und selbstständiger. Mit jedem dieser Schritte entfernen sie sich ein Stück von uns und machen einen Schritt auf ihr eigenes, unabhängiges Leben zu. Zur Zeit mögen es nur kleine Schritte sein, doch schon da fällt mir das nicht einfach. Wie es wohl wird, wenn sie noch älter ist?

Doch wieso fällt uns das Loslassen der eigenen Kinder so schwer?
Wisst ihr, Moritz und ich haben da so eine Theorie, die sicherlich viele von euch so bestätigen können. Kinder lieben ihre Eltern. Doch Eltern lieben ihre Kinder auf eine ganz andere Art und Weise. Sie lieben sie bedingungslos, endlos und würden alles für sie geben. Wir sind der Meinung, dass Kinder ihre Eltern nie so sehr lieben können, wie Eltern die Kinder lieben. Das hat die Natur schlau eingerichtet, denn schließlich müssen die Kinder irgendwann ja auch ihren eigenen Weg bestreiten. Sie müssen sich von ihren Eltern abkapseln. Mama und Papa werden ja nicht ewig da sein.
Kinder wollen sich weiterentwickeln und wollen neue Wege einschlagen. Das ist auch gut so. Mit jeder ihrer Entwicklungsschritte wächst mein Stolz, doch auch der Wehmut darüber, dass sie so schnell groß wird und mich schon bald nicht mehr braucht. Ist es also egoistisch, wenn wir Eltern zu sehr klammern? Vielleicht ein wenig, doch ich denke, dass es völlig normal ist. 

Als ich nach Hause kam, war übrigens alles in bester Ordnung. Sie war glücklich und hat mir in ihrer niedlichen Eigensprache erzählt, was sie alles erlebt hat. Ich nahm sie in den Arm und war einfach stolz. Stolz auf mein kleines, aber schon so großes Mädchen! 


xxx, B. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Latest Instagrams

Latest Instagrams

  • Bloglovin'
  • facebook
  • instagram
  • Youtube
Back to Top